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Gebt den Flüssen Raum!

Gebt den Flüssen Raum!

Es besteht allgemeines Einverständnis darüber, dass sich die Hochwasserscheitel effektiv reduzieren lassen, wenn man den Flüssen den Raum zurückgibt, der ihnen durch Eingriffe unterschiedlichster Art genommen wurde. Das bestätigt auch das Bayerische Landesamt für Umwelt auf seiner Homepage.

Dementsprechend große Erwartungen setzt die Allgemeinheit in die Wirkung von naturnahen Hochwasserrückhaltemaßnahmen bis hin zu der Überzeugung, man könne auf technischen Hochwasserschutz verzichten, wenn nur genügend Flutpolder eingerichtet werden.

Ganz anderer Meinung sind da die von der Polderplanung betroffenen Kommunen und Bauern. Schon brennen im Donauried die Mahnfeuer der IG Schwenningen-Tapfheim "Hochwasserschutz JA - Polder NEIN" gegen "Flächenverlust riesigen Ausmaßes", "katastrophale Konsequenzen für Landwirte", "Zerstörung der Heimat" und "unzulässige Eingriffe in kommunale Rechte", "Enteignungsgleiche Maßnahmen" und "Einschränkung von Entwicklungsmöglichkeiten". Außerdem sei die Wirksamkeit der Polder nicht bewiesen und regionaler und überregionaler Hochwasserschutz werde nur vorgegaukelt.

Auch für den Bund Naturschutz, der im Donauried 150 Hektar wertvollstes ursprüngliches Wiesenbrütergebiet besitzt und dieses als Naturschutz-, FFH- und Vogelschutzgebiet pflegt, sind die geplanten Polder der "Super-GAU. Stehendes Wasser in den Wiesen hieße ja: kein Leben mehr. Dann ist es aus." Dabei setzt sich der Bund Naturschutz insgesamt dafür ein, den Flüssen mit ungesteuerten Poldern Raum zu verschaffen, um Hochwasserereignisse zu mildern und gleichzeitig die Ausbildung von hochwasserresistenten Biozönosen mit auentypischer Biotopvielfalt zu fördern.

Es erscheint einleuchtend, dass anthropogene Veränderungen – also flussbauliche Eingriffe, Verminderung der Wasseraufnahmefähigkeit des Bodens und des Geländes durch Waldrodung, Versiegelung durch Siedlungs- und Straßenbau und Verdichtung des Bodens durch landwirtschaftliche Nutzung, Klimawandel - die Häufigkeit und Stärke von Hochwasserereignissen erhöhen.

Das ist auch richtig so. Denn es gilt die Gleichung:

A (Abfluss) = N (Niederschlag) – V (Verdunstung) – S (Speichergröße)

Je größer die Speicherkapazität der Retentionsräume und Böden und die Verdunstung, desto kleiner ist der Abfluss.

Jedoch die Realität, mit der sich die Wasserbauer in der Praxis konfrontiert sehen, ist komplex, vielschichtig und vom Charakter der Regenfälle des Hochwasserereignisses abhängig. Hochwasserretention ist kein linearer Prozess und ist abhängig von der Art und Aktivierung und Überflutung der jeweiligen Retentionsflächen. Es gibt ungesteuerte Flutpolder, die mit dem Anstieg der Hochwasserwelle gefüllt werden, und gesteuerte Flutpolder, die erst bei Ankunft der Hochwasserspitze zu deren Kappung geöffnet werden.

Als Beispiel für diese Komplexität diene der Graph „Hochwasserrückhaltung“, den Herr Rogowsky vom Wasserwirtschaftsamt Deggendorf am 10.12.2014 beim Hochwasserforum in Passau gezeigt hat. Darnach müsste beim Hochwasser 2013, um den Durchfluss beim Pegel Ilz in Passau von 10.000 m³ / s (= HQ100) auf 7.800 m³ / s (= HQ50) zu vermindern, ein Rückhalteraum von 200 Millionen m³ zur Verfügung stehen.

Das – so Rogowsky – gilt aber unter idealen Bedingungen, wenn also die Steuerung des gesamten Rückhalteraums ideal nur für Passau ist. Das wäre etwa der Fall, wenn ein Poldersee von 20 km Länge, 5 km Breite und 2 m Tiefe (= 200 000 000 m³) oberhalb Schärding am Inn zur Verfügung stünde.

Real wird sich eine erheblich geringere Wirkung einstellen, da mit wachsender Entfernung des Rückhalteraums von Passau eine ideale Steuerung wegen Wellenverformung im Zwischeneinzugsgebiet nicht mehr möglich ist“ (Rogowsky).

Dr. Ing. Daniel Alexander Skublics, Lehrstuhlinhaber für Wasserbau an der TU München, weist in seiner Abhandlung „Großräumige Hochwassermodellierung im Einzugsgebiet der bayerischen Donau“ darauf hin, dass „Scheiteldämpfung und Scheitelverzögerung durch Hochwasserretention weder aus dem Betrag des Retentionsvolumens noch aus dem der Retentionsfläche allgemeingültig hergeleitet werden kann.“ Die Wirkung von Retentionsräumen hat bei kleineren Hochwasserereignissen – also bei 5 – 10-jährlichen Hochwasserereignissen – die größten Effekte. Bei steigendem Wiederkehrintervallen – also bei 50 – 100- jährlichen Hochwasserereignissen – nimmt die Wirkung deutlich ab.

Extreme Hochwasserereignisse – so Skublics – sind keine „abnormale“ Erscheinung, d.h., sie sind weniger stark durch anthropogene Veränderung betroffen als kleinere Hochwasser und gleichen somit den "normalen" Hochwasserereignissen der Vergangenheit. Sie sind typischerweise durch hohe Niederschlagsmengen, lang anhaltendem Dauerniederschlag, Vorregenereignissen, und damit verbunden Erschöpfung der Vegetations- und Bodenspeicher und durch geringere Verdunstung auf Grund kühler Temperaturen bedingt. Deswegen sind solche extreme Hochwasserereignisse auch in der Vergangenheit aufgetreten, also zu einer Zeit, als der hydrologische Kreislauf durch den Menschen noch nicht beeinflusst war und Inn wie Donau sich kilometerweit ausbreiten konnten. Die Hochwassermarken am Passauer Rathausturm bieten dazu einen beredten Beweis.

 

Soll Passau vor Hochwasser geschützt werden, bedarf es zweierlei:

  • Retentionsräume in Oberlauf von Inn und Donau zur Dämpfung der kleinen und mittleren Hochwasserereignisse

  • Gesteuerte Flutpolder im Oberlauf des Inns, um die Hochwasserspitze des Inns zu kappen und ungesteuerte Flutpolder im Oberlauf der Donau, um zu gewährleisten, dass der Anstieg der Donau noch möglichst gering ist, wenn der Inn circa 11/2 bis 2 Tage vorher die Hochwasserspitze bringt.
  • Technischen Hochwasserschutz gegen extreme Hochwasserereignisse wenigsten in den Bereichen, wo solcher in Passau überhaupt möglich ist.

 

 

Klaus Schürzinger, 02.12.2106