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SWP auch 2017 nicht atomstromfrei. Ein Armutszeugnis?

Passau auch ab 2017 nicht atomstromfrei.

Ein Armutszeugnis?

Kurt Seul vom Energienetzwerk Passau stellt in einem PNP Leserbrief den Stadtwerken Passau ein Armutszeugnis aus, weil sie zwar nach 2017 Haushalts- und Gewerbekunden mit einem Verbrauch bis zu 100.000 kWh/Jahr mit Ökostrom versorgen, aber Gewerbekunden mit einem Verbrauch von mehr als 100 000 kWh/Jahr weiterhin mit Strom mit Atomstromanteil beliefern werden. Damit sei der Bürgerantrag „Passau – Strom ohne Atom“ nicht umgesetzt worden und somit gescheitert.

Einige Aussagen des Leserbriefs irritieren.

Eine Versorgung Passaus mit Ökostrom durch die österreichische Verbund AG aus Innkraftwerke und Kraftwerk Jochenstein sei deswegen „umweltfreundlich und effizient“, weil damit wegen der kurzen Entfernungen ein „geringer Energieverlust sowie niedrige Netz- und Durchleitungs-gebühren“ verbunden seien.

Außerdem habe der Ökostromanbieter „Lichtblick“ einen „großen Coup“ gelandet, weil er ab 2015 seinen Kunden Ökostrom liefere, der „in 21 Laufwasserkraftwerken am Inn in Süddeutschland erzeugt“ wird. Das sei „Wasserkraft aus der Region für die Region“. Dagegen komme der von der SWP georderte norwegische „angebliche“ Ökostrom „auf seinem über 2.000 km langen Transportweg mit billigem Kohlestrom und vor allem überflüssigem Atomstrom angereichert beim Kunden“ an.

Klar ist erstens, dass die Netzdurchleitungsentgelte für kWh in einem Netzgebiet immer gleich sind, völlig unabhängig von der Entfernung des Stromerzeugers vom Stromverbraucher. Der „Lichtblick“Kunde im Passauer Stromnetzgebiet zahlt für die kWh Strom genau so viel Netznutzungs­entgelt wie der passauer SWP-Normalstrom-Bezieher, ganz gleich, ob der Strom von Atom- oder Kohlekraftwerken oder von Innkraftwerken, Windkraftwerken an der Nordsee eingespeist wurde. In unserem Bereich streicht diese Entgelte teilweise die von Herrn Seul wegen Atomstromerzeugung abgelehnte e.on ein, weil die Bayernwerk AG, 100%ige e.on Tochter, hier das Hoch- und Mittelspannungsnetz betreibt. Selbst wenn die Stadtwerke Passau nur „Lichtblick“ Ökostrom vermarkteten – was gar nicht möglich ist, weil „Lichtblick“ nur Endkunden nicht aber Stromversorger beliefert - muss der Ökostrombezieher in unserem Bereich dennoch „die Atomindustrie mitfinanzieren“, da er die Netznutzungsentgelte indirekt an die Bayernwerk AG und damit an e.on abführen muss. Das Netz der Stadtwerke Passau ist an das Netz der Bayernwerk AG angeschlossen und für jede kWh, das vom Netz der Bayernwerk AG in das Netz der Stadtwerke Passau geleitet wird, muss die Stadtwerke Passau GmbH das Netznutzungsentgelt an die Bayernwerk AG zahlen.

Klar ist zweitens, dass physikalisch der Strom grundsätzlich über den nächstliegenden Netzknoten und die regional nächstliegenden Kraftwerke fließt. Der Passauer Stromkunde erhält physikalisch seinen Strom aus dem Kachletkraftwerk, auch wenn er ein Strommix mit Atom- und Kohlestrom gekauft hat. Der Stromkunde in der Nähe eines Atomkraftwerks erhält physikalisch Atomstrom, auch wenn er Ökostrom von „Lichtblick“ kauft.

Energieverluste beim Stromtransport entstehen in erster Linie dann, wenn Strom aus dem Norden über große Entfernungen nach Bayern transportiert werden muss, weil in Bayern der Verbrauch die Erzeugung übersteigt oder weil im Norden bei Sturm so viel Windstrom in das Stromnetz eingespeist wird, dass in Bayern Kohlekraftwerke abgeschaltet und Atomkraftwerke zurückgefahren werden müssen.

Die Vorstellung, norwegischer Wasserkraftstrom würde in den deutschen Stromsee einfließen und als Strommix Bayern erreichen, ist falsch. Dieser Strom wird in das norwegische Stromnetz eingespeist und verbleibt auch dort, da die Stromverbindung nach Deutschland nur sehr gering ausgebaut ist. Nur wie kommen die Stadtwerke Passau nun an diesen Ökostrom? Die Stadtwerke Passau kaufen von Lieferanten im Herkunftsnachweisregister des Umweltbundesamtes registrierte Ökostrommengen ein. Jede einzelne Ökostrom-kWh, die als Ökostrom an einen deutschen Stromlieferanten verkauft wird und im Strommix als Ökostrom anerkannt werden soll, muss im Herkunftsnachweisregister registriert sein. Somit kaufen die Stadtwerke Passau wie jeder andere deutsche Ökostromlieferant Ökostrom ein.

Wenn „Lichtblick“ Strom von den Innkraftwerken, die ohnehin und seit längerer Zeit Strom erzeugen, kauft, wird kein ökologischer Mehrwert erzeugt. Wo bleibt da der Coup? Am deutschen Strommix ändert sich dadurch nichts. Ein Zubau an Ökostromkapazitäten könnte nur dadurch bewirkt werden, wenn „Lichtblick“ nur Strom von Kraftwerken kauft, die neu gebaut wurden oder deren technische Ausrüstung seit kurzem auf neuesten Stand gebracht wurde. Wasserkraftstrom aus Inn- und Donaukraftwerken ist kein Strom „aus der Region für die Region“, sondern fließt genau wie der Windstrom von der Nordsee in den deutschen Stromsee. Strom aus der Region für die Region wäre er nur, wenn die Stromverbindungen von Bayern in den Norden Deutschlands, nach Österreich, Schweiz, Frankreich, Belgien, die Niederlande, Dänemark, Polen und Tschechien gekappt würden.

Die Forderung nach Ökostrom macht Sinn, weil sie der Politik deutlich macht, dass die Bürgerinnen und Bürger aus der gefährlichen Atomenergie und der schmutzigen fossilen Stromerzeugung aussteigen wollen. Jedoch, solange auf dem europäischen Markt mehr Ökostrom angeboten als nachgefragt wird, bewirkt Ökostrombezug nur einen sehr begrenzten Zubau an Erzeugungskapazitäten für erneuerbare Energie. Dieser Zubau, ohne den ein Ausstieg aus der atomaren und fossilen Stromerzeugung nicht möglich ist, geschieht auf Grund des EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz) und dem KWKG (Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetz) und nicht auf Grund von Ökostrombezug. Die durch das EEG geförderten Wind- und Solarkraftwerke speisen mittlerweile besonders bei heftigen Winden so viel Strom in das deutsche Stromnetz, dass die Preise an der Börse so fallen, dass Kohle- und Atomstrom nicht mehr verkauft werden können und somit solche Kraftwerke wegen zu geringer Betriebszeiten nicht mehr gewinnbringend betrieben werden können.

Aktuell sind – so berichtet das Handelsblatt vom 21.05.2014 - „47 Kraftwerksblöcke zur Stilllegung angemeldet, darunter 19 Steinkohle- und 19 Erdgas-Kraftwerke, ein Braunkohle-Kraftwerk, ein Atomkraftwerk“. 7 Blöcke werden von der Bundesnetzagentur als systemrelevant eingestuft, d.h. sie müssen gegen Entschädigung weiter betrieben werden, um die Netzsicherheit zu gewährleisten, auch dann, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst. 25 Blöcke können abgeschaltet werden. RWE und Eon ächzen unter dem Preisverfall an der Strombörse. Denn statt längerfristiger Stromeinkäufe mittels Termingeschäften bevorzugen viele Käufer an der Börse kurzfristige Einkäufe, mit denen sich oft Schnäppchen machen lassen.

Wer als Einzelner einen wirklichen Beitrag zur Energiewende und zur Reduzierung der Treibhausgase leisten will, dem bleibt trotz Ökostrombezug nichts anderes übrig als Strom zu sparen oder er stellt sich eine Solaranlage auf das Dach. Die Gefahr, dass Ökostrombezieher glauben, dass allein schon der Ökostrombezug die Energiewende vorantreibe, besteht immer. Ökostrombezug allein bewirkt das systembedingt leider nur in sehr geringem Ausmaß.

Siehe auch : Archiv 2014 "Öko- statt Atomstrom" und "Das große Ökostrom Missverständnis"

 

Klaus Schürzinger

15.01.2015