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Rücksichtnahme statt Kampf

Rücksichtnahme oder Kampf um Verkehrsraum?

 

Die Fraktion der Grünen der Stadt Passau stellte am 07.08.2014 den Antrag, die Stadt Passau möge die Geschwindigkeits- und Durchfahrtskontrollen selbst in die Hand nehmen mittels eines Beitritts zum Zweckverband „Kommunale Verkehrsüberwachung (KVÜ)“.

Zur Begründung wird vorgetragen, dass es „seit vielen Jahren eine zunehmende Zahl von Beschwerden Passauer Bürgerinnen und Bürger, welche das zu schnelle Fahren in Wohnstraßen monieren,“ gebe. „Allein in Bayern“ seien „im Jahr 2013 innerorts 155 Menschen bei Unfällen mit Kraftfahrzeugen (meist Fußgänger oder Radfahrer)“ gestorben. „Hauptunfallursache für tödliche Unfälle“ sei „die überhöhte Geschwindigkeit. Vermehrte Geschwindigkeitskontrollen seien daher notwendig.“

Die Feststellung, dass innerorts überhöhte Geschwindigkeit die Hauptursache von Unfällen mit Beteiligung der sogenannten schwachen Verkehrsteilnehmer, nämlich der Fußgänger und Radfahrer, sei, steht im Gegensatz zu der durch viel Untersuchungen bestätigten allgemeinen Erfahrung, dass zwar außerorts überhöhte Geschwindigkeit als Hauptursache von Unfällen dominiert, nicht aber innerorts. Dort spielen Fehler beim Abbiegen, Wenden, Anfahren, Missachtung der Vorfahrt, ungenügender Sicherheitsabstand und schwer berechenbares Verhalten der 6 – 16 jährigen Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer die dominierende Rolle.

Die Verwaltung legte dazu bemerkenswerte Zahlen vor aus der Passauer Unfallstatistik und der Auswertung der vier Geschwindigkeitsmessgeräte, welche die Stadt aufstellt, um den Autofahrer zu informieren, ob er zu schnell fährt oder nicht, die aber gleichzeitig auch die gefahrenen Geschwindigkeiten aufzeichnen.

Im Jahr 2013 waren im Stadtgebiet 31 Unfälle auf überhöhte Geschwindigkeit zurückzuführen. Das sind lediglich 1,5% der insgesamt verzeichneten Unfälle – der Rückgang gegenüber 2013 (43 Geschwindigkeitsunfälle) liegt bei 28%. In den letzten 10 Jahren haben sich die Verkehrsunfälle in Passau zwar um 13% erhöht, die Geschwindigkeitsunfälle sind aber gleichzeitig um 60% zurückgegangen.

Seit 2009 wurden 61 Straßen mit Tempo 30 überwacht. 50% der Autofahrer hielten sich an die Geschwindigkeitsbeschränkung von 30 km/h. Weitere 35% wurden in dem Bereich 30 – 40 km/h gemessen. Bei Straßen mit dem Tempolimit 50 km/h fuhren 85% der Autofahrer nicht schneller als 60 km/h. 15% waren mit mehr als 60 km/h unterwegs.

Es zeigt sich also eine erstaunliche Diskrepanz zwischen dem Gefühl der subjektiven Gefährdung durch überhöhte Geschwindigkeit und dem objektiven Unfallgeschehen. Dieses subjektive Gefühl der Gefährdung entsteht, wenn Autofahrer oder Radfahrer unvermittelt und schnell und ohne Vorwarnung eng an Fußgängern vorbeifahren und sie erschrecken. Eltern fürchten dann um ihre Kinder und Seniorinnen und Senioren sind verunsichert und verärgert. Auch wenn in solchen Fällen die objektive Gefahr eines Unfalls gering ist, weil der zu schnelle Fahrer abschätzen kann, dass er die Person oder Personengruppe bereits passiert haben wird, selbst wenn jemand unvermittelt in seine Bahn treten würde, liegt dennoch eine grober Mangel an Rücksichtnahme vor.

Das subjektive Gefühl der Gefährdung hat zum Beispiel die ursprünglich vorgesehene Erlaubnis des Radfahrens in der Fußgängerzone verhindert. Ab 18:30 Uhr, zu einem Zeitpunkt, an dem zumindest in der Sommerzeit die Fußgängerzone oft noch voller Leute ist, ist das Radfahren in der Fußgängerzone erlaubt. Dass dennoch kein einziger Fall eines durch Radfahrer verschuldeten Unfalls bekannt wurde, beweist, dass das Gefühl der Gefährdung für Senioren und Kinder durch zu schnell fahrende Radfahrer der tatsächlichen Gefährdung nicht entspricht. Dennoch wurde das Radfahren in der Fußgängerzone insbesondere auf Betreiben des Seniorenbeirats verboten. Gleichzeitig aber müssen Fußgänger und Radfahrer auf weitaus engeren Raum auf gemeinsamen Geh- und Radwegen zurecht kommen. Trotz des Geschimpfes über zu schnelle Radfahrer bleiben auch dort Unfälle aus.

Der Gedanke liegt nahe, dass der Ruf nach mehr Geschwindigkeitskontrolle und die Verbannung der Radfahrer aus der Fußgängerzone und Gehwegen nicht nur aus Angst vor einem Unfall erfolgt, sondern auch einfach deswegen, weil man seinen Verkehrsraum gegen Eindringlinge verteidigen will. Es wird auch der Kampf um den eigenen Verkehrsraum geführt.

Für Autofahrer haben die Radler nichts im Straßenraum zu suchen; die sollen die Radwege benutzen. Für Fußgänger haben die Radler nichts in Fußgängerzonen und auf Gehwegen verloren; die sollen gefälligst Straßen oder Radwege benützen oder wenigstens schieben.

Und die Radler? Die sind versucht, sich eigene Regeln zu setzen, weil ihnen zu wenig Verkehrsraum zugewiesen und ihnen lästige Wartezeiten zugemutet werden, da die Bedürfnisse des motorisierten Verkehrs den Vorzug erhalten.

Neben den sicherlich wichtigen Geschwindigkeitskontrollen sollte man tatsächlich über Förderung des Radverkehrs und über mehr Spielstraßen oder sogar „shared space“ nachdenken und sich überlegen, wie man mehr Leute vom Auto auf das Rad bringt und wo man gemeinsam genutzte Verkehrsräume verwirklichen könnte. Wenn nämlich niemand auf Vorrechte pochen kann, müssen alle aufeinander Rücksicht nehmen, was erfahrungsgemäß zu mehr Sicherheit für alle führt. Eine lehrreiche Lektion wäre das zum Erlernen gegenseitiger Rücksichtnahme, welche allemal besser ist als der Kampf der Verkehrsteilnehmer jeder gegen jeden.

 

Klaus Schürzinger, 09.10.2014

 

PS: Fährt ein Radfahrer über den leeren Fünferlsteg. Passt ihn ein älterer Herr am Ende des Stegs ab und faucht ihn an: „Können Sie nicht lesen? Radfahren ist auf dem Fünferlsteg verboten.“ Radfahrer: „Ja, aber es war doch kein Fußgänger unterwegs. Also habe ich niemand gefährdet, denke ich.“ Älterer Herr: „Überlassn's das Denken den Pferden. Die ham größere Köpf!“