Seiteninterne Navigation

Freie Wähler Landesverband BayernFreie Wähler Landesverband BayernFreie Wähler Landesverband BayernFreie Wähler Landesverband BayernFreie Wähler Landesverband Bayern

Navigation

 

Aktuelles

Seiteninhalt

Donaustadt Passau

 

© michael weithmann 2010

Zusammenfassung:

 

 

Die Donau repräsentiert den europäischen Fluss par excellence. Der Strom durchmisst Deutschland, Österreich, Mittel- und Südosteuropa. Im Verlauf der Geschichte hat die Donau als Grenze, als Strasse und als Brücke gewirkt.

 

Eine UNESCO-Bewerbung der Stadt sollte mit dem Hinweis auf die Donau als Kultur vermittelnder Kommunikationsstrang über aktuelle Grenzen hinweg ergänzt werden. Der Donaustadt Passau kam in diesem Zusammenhang mehrfach in ihrer Geschichte die Aufgabe als überregionales und internationales Kulturzentrum zu.

 

Passau hatte als Römerstadt Anteil an der universellen antiken Zivilisation und übernahm innerhalb der mittelalterlichen Reichspolitik die Mission des ostmitteleuropäischen Donauraums. Zu Ungarn bestehen seitdem enge Beziehungen – nicht nur kulturhistorischer, sondern auch emotionaler Art.

 

Im Barockzeitalter trat Passau abermals ins Zentrum einer transkulturellen und länderübergreifenden Kultur- und Kunstbewegung. Ein Zeugnis dafür ist die urbane Gestaltung der in einmaliger Topografie auf einer Halbinsel liegenden „Dreiflüssestadt“.

 

 

Hier der Volltext des Vortrags von Dr. M. Weithmann:

 

Die Donau repräsentiert den europäischen Fluss par excellence. Auf seinen 2850 Km langen Lauf durchmisst der Strom die Kernräume Süddeutschlands, ganz Österreich und Ungarn und bildet damit Achse Mitteleuropas. Jenseits des Eisernen Tors, wo die Donau die Karpaten durchbricht, tangiert der Fluss Rumänien im Norden und Bulgarien im Süden, er berührt dann das kleine Moldawien und mündet im Donaudelta, das sich Rumänien und die Ukraine teilen, ins Schwarze Meer. Die Donau ist damit also auch der bestimmende Fluss Südosteuropas.

 

Seit der weltpolitischen Wende von 1990 sind es gegenwärtig 10 souveräne Staaten, die sich als unmittelbare Donauanrainer bezeichnen. Doch der Donauraum, die Region, die von der Donau nicht nur geographisch, sondern auch historisch und kulturell geprägt wird, ist weitaus umfangreicher und umfasst zahlreiche Länder und Völker verschiedener Sprachen, Religionen und Mentalitäten.

 

Jeder Bearbeiter einer solch umfassenden Thematik muss seine Ausführungen natürlich gliedern und unter einen bestimmten Aspekt, einen Blickwinkel, stellen. Ich orientiere mich an derjenigen Strukturierung der Donau, wie sie in der geographischen Wissenschaft Anwendung findet, nämlich: Junge Donau, von den Schwarzwaldquellen bis Ulm, das wäre der badische und württembergische Raum, dann die bereits schiffbare Obere Donau von Ulm bis Pressburg, mit den Anrainern Bayern, Österreich und der Slowakei, gefolgt von der Mittleren Donau durch Ungarn, Kroatien und Serbien bis zum Eisernen Tor, wo wie gesagt die Donau den Karpatenriegel durchbricht, und schließlich der Unterlauf der Donau mit Rumänien und Bulgarien, die Untere Donau also, welche in das aufgefächerte Delta übergeht, die Donaumündung, an der Rumänien und die Ukraine Anteil haben.

 

In den Fluten der Donau spiegeln sich 3000 Jahre, in welchen die Geschichte der Menschen am Fluss und ihrer Gesellschaften und Kultur durch Quellen bezeugt ist. Diese Quellen, die dem Historiker zur Verfügung stehen, sind für die Vor- und Frühgeschichte in erster Linie archäologischer Art, doch bereits für die griechisch-römische Antike und besonders für die Neuzeit und die Zeitgeschichte steht uns eine chronologisch wachsende Fülle von schriftlichen Dokumenten und Zeugnissen zur Verfügung. Nicht vergessen dürfen wir die Monumente, also die historischen Bauwerke am Fluss von der Römerzeit bis ins Industriezeitalter, von denen wir hier in Passau ja geradezu umstanden sind.

 

Die zentrale Fragestellung, die sich dem Betrachter bei der geschichtlichen Rückschau über jene etwa 3000-jährige Zeitspanne stellt, ist wohl die nach der Funktion, der Aufgabe, die dem Strom innerhalb seines riesigen Einzugsgebietes zwischen Schwarzwald, Alpen, Karpaten, Balkan und Schwarzem Meer zugekommen ist: Wie haben die Menschen diesen großen Fluss interpretiert, wie haben sie ihn „benutzt“ …

Grosser Fluss“ übrigens ist auch die Übersetzung des wohl keltischen Namens „Donau“ der ja in allen Sprachen der Flussanwohner gleich lautet: Duna, Dunava, Dunarea….

 

Lassen Sie mich auf diese Perspektive, welche Funktion die Donau zusammen mit ihrem großen Einzugsgebiet im Verlauf der Geschichte innehatte, etwas näher eingehen: Es kristallisieren sich nämlich deutlich drei verschiedene Funktionen heraus, die der Strasse, der Brücke und der Grenze.

 

Strasse, das wäre verstanden als friedliche Verkehrs- und Handelsverbindung einerseits, aber auch als Heerstrasse andererseits. Die Funktion der Brücke würde eine friedliche Situation voraussetzen, ein Zusammengehen und einen gegenseitigen kulturellen Austausch, Kommunikation, wie es im Vortragstitel heißt. - und dann hätten wir noch den Fluss als Grenze, als Limes, als Abschottung gegen das Fremde oder das Andere, so wie es sich meist nach kriegerischen Auseinandersetzungen herausgebildet hat.

 

Und es ist eine bittere Erkenntnis, an der kein Geschichtsbetrachter vorbeikommt, dass die Donau im Verlaufe der Geschichte ganz überwiegend als Grenze gedient hat. - Und zwar bis heute: Erinnern wir uns: Bis vor zehn Jahren gab es „nur“ 8 Donaustaaten, gegenwärtig sind es 10. Östlich von Wien sind seit 1990 drei Staaten verschwunden, nämlich die Tschechoslowakei, Jugoslawien und die Sowjetunion, allesamt Föderalstaaten, - daraus sind aber fünf neue Staaten entstanden, die sich der Donau als Grenzlinie bedienen: Slowakei, Kroatien, Serbien (YU), Moldawien und die Ukraine.

 

Integration im Westen – Desintegration im Osten lautete daher ein Schlagwort in den Medien, das die Diskussion um die Ost- und Südosterweiterung der EU beherrscht hat und auch immer noch zutrifft – und zwar auch über den formalen EU-Beitritt der Donaustaaten Rumänien und Bulgarien 2004 hinaus: Während sich Westeuropa zunehmend vereinigt, entstand in Südosteuropa ab 1990 – auch und gerade entlang der Donau – eine sich durch Abgrenzung definierende Kleinstaatenwelt mit erheblichem inner- und zwischenstaatlichen Konfliktpotential.

 

 

Strasse, Brücke, Grenze – sind demnach drei markante Aufgaben, die der Donau in den vergangenen 3000 Jahren zukamen. Nun werden Sie als kritische Hörer zu Recht sagen, dass Strasse, Brücke und Grenze ja höchst unterschiedliche, ja gegensätzliche Begriffe sind - Grenze verträgt sich schließlich nicht mit Brücke und auch nicht unbedingt mit Strasse! Nun, meine Damen und Herren, in dieser widersprüchlichen Funktion des Flusses zeigt sich die ungeheure Kompliziertheit des gesamten Donauraums in historischer und kultureller Hinsicht, - seine uneinheitliche, differenzierte innere Geschichte, die zudem immer massiv von außen, nämlich von Großmächten in Ost und West bestimmt war, - sei es vom lateinischen Rom, vom byzantinischen, später osmanischen Konstantinopel aus, vom habsburgischen Wien, vom preussisch-deutschen Berlin, und vom slawisch orthodoxen, dann sowjetrussischen Moskau aus. Seit 1990 erleben wir einen neuen Hegemoniewechsel hin zur EU und zur NATO in Brüssel.

 

Dieser wechselhafte Einfluss der Großmächte erscheint überhaupt als eine Konstante der Donaugeschichte, die Großmächte haben den Donauraum seit den frühesten Zeiten buchstäblich in einen Westteil, einen Mittelteil und einen Ostteil zerrissen. Der Westteil bestehend aus Baden, Württemberg und Bayern (und bezieht Passau mit ein) , - der Mittelteil umfasst dasjenige Gebiet, das gegenwärtig wieder gern als „Mitteleuropa“ bezeichnet wird, nämlich das ehemalige österreichisch-ungarische Habsburgerreich, also Österreich, Ungarn, die Slowakei und Kroatien (und auch hier werden wir Passauer Einflüsse erkennen….)

 

Während diese beiden Großräume westlich und das heißt in kulturhistorischer Hinsicht katholisch, protestantisch und – sehr wichtig – von der europäischen Aufklärung geprägt sind, überschreiten wir auch heute noch, wenn wir den Südostteil der Donau mit den ostchristlich-orthodox geprägten Ländern Serbien, Bulgarien und Rumänien betreten, eine deutliche Kultur- und Mentalitätsschranke.

 

Politisch gesehen diente (und dient) ganz Mittel- und Südosteuropa seit dem 17. Jahrhundert als sprichwörtliches Schachbrett der Großmachtdiplomatie. Erleichtert wurde dies durch die in Europa einzigartige Vielfalt von Kulturkreisen, von Religionen, Sprachen und Mentalitäten entlang der Donau, - einem gängigen Bonmot von Karl Kraus zufolge leben hier allein 20 Sprachen, 5 Konfessionen und 3 Alphabete zusammen. Die Sprachen (slawisch, germanisch, romanisch, ungarisch ….) hier im Einzelnen aufzuführen, würde den Rahmen sprengen, bei den Konfessionen handelt es sich, kurz gesagt, um Katholiken, Protestanten, Orthodoxe, Muslime und Juden - bei den drei Alphabeten um die Lateinische Schrift, die Kyrillische Schrift und um das Osmanisch-Türkische, das bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts noch in arabischen Lettern geschrieben worden ist.

 

Man muss sehr weit in die Geschichte zurückgreifen, um die spezifische kulturelle, ethnische und religiöse Ausformung des donauländischen Vielvölkerraumes nachvollziehen zu können. Die Teilung des Römischen Reiches im 4. nachchristlichen Jahrhundert, die senkrecht durch den Donauraum verlief - die darauf folgende Spaltung des Christentums in die lateinisch-römische Westkirche und die byzantinisch-orthodoxe Ostkirche, also das bis heute weiter bestehende Schisma, und sodann das Eindringen des Islams im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit, das sind die kritischen Phasen jener Entwicklung.

 

Passau hatte bei dieser sowohl machtpolitischen wie kulturellen Formung des Donauraums ganz entscheidenden Anteil, schließlich kam ihm die Missionierung und Kolonisierung der Ostmark und Pannoniens, des späteren Ungarns zu.

 

Im 19. und 20. Jahrhundert hat auf diese Region dann die aus Deutschland - von Johann Gottfried Herder stammende - nationalromantische Idee eingewirkt, wodurch der Donauraum zu seinen bereits bestehenden konfessionellen und sprachlichen Grenzen zusätzlich noch weiterhin durch Nationalstaatsgrenzen zerteilt, ja zerhackt worden ist - ein Vorgang der - wie schon angedeutet – gegenwärtig - im Balkanraum noch keineswegs abgeschlossen ist (denken Sie an die gerdezu groteske Staatswerdung Bosniens, Montenegros und des Kosovo. )

Auf diese Weise ist im Verlaufe des 19. und 20. Jahrhundert die schon angesprochene Kleinstaatenwelt mit erheblichem innerstaatlichem und zwischenstaatlichem Konfliktpotential entstanden. Und eine weitere bittere kulturhistorische Erkenntnis ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass es sich bei diesem Vielvölker- und Vielkulturen-Gemenge in den längsten Perioden der Geschichte nicht um ein pittoreskes multikulturelles Miteinander gehandelt hat, sondern um ein durch Grossmachteinfluß von oben verordnetes Nebeneinander, das jedoch schnell in ein militantes Gegeneinander umschlagen konnte und immer noch kann, wie wir in Jugoslawien vor nicht einmal 12 Jahren erfahren mussten.

 

Die Miteinbeziehung der mittel- und südosteuropäischen Donauregion in den europäischen Einigungsprozess stellt jedenfalls eine der großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts dar. Die EU wird dabei auf viele Problemfelder stoßen, die tief in der Geschichte der Donauvölker verankert sind.

 

Meine geschichtliche Donau-Synthese im Schnelldurchlauf (und daher natürlich etwas „holzschnittartig“…) mit ihrer Akzentuierung der Donau als Grenzfluss und des Donau- und Balkanraums als historische wie aktuelle Krisen- und Spannungsregion, als fremdbestimmtes Objekt, nicht als selbständiges Subjekt des Geschichtsprozesses – hinterlässt nun bei jedem von uns wohl ein gewisses Gefühl der Beklemmung, was die zukünftige Entwicklung anbetrifft. Allerdings sollte man sich davor hüten, aus dem bisherigen geschichtlichen Verlauf eine quasi-historische Gesetzmäßigkeit für die Zukunft abzuleiten.

 

Die Rahmenbedingungen für die Ablösung der historischen Konfrontation in Südosteuropa durch Kooperation sind nämlich nicht ungünstig. Die Zeichen der Kooperation in Bezug auf die Donau mehren sich.

 

Besonders hoffnungsfroh stimmen die zwischenstaatlichen Verhandlungen der Donaustaaten untereinander, wie sie etwa zwischen Ungarn und Rumänien schon zu ersten vertraglichen Ergebnissen geführt haben und wie wir es im ungarisch-slowakischen Dialog immerhin auch erhoffen dürfen. Wobei wir uns im Westen auch keinen allzu großen Illusionen hingeben sollten, denn diese zwischenstaatlichen Kompromisse der Donauländer sind (noch) nicht aus eigenem Antrieb entstanden, sondern unter der Ägide, um nicht zu sagen unter dem Druck der EU

 

Die Vernetzung der Donauländer nimmt aber ohne Zweifel zu. Die Donaustädte kommunizieren miteinander. Es gibt eine Fülle von Kontakten in verkehrstechnischer Hinsicht, im Hinblick auf die Ökologie und auf gemeinsame Kulturfestivals. Was die Kultur- und Kunstbeziehungen betrifft, so sind hier Ulm und Regensburg bereits stark vertreten. Passau als dritte große deutsche Donaustadt sollte da nicht zurückstehen.

 

Man ist auf jeden Fall auf dem besten Wege, die Donau endlich als gemeinsamen Strom und verbindende kommunikative Lebensader wahrzunehmen – so wie es die Donau-Charta bereits 1956 programmatisch verkündet hatte: Das Wasser – heißt es dort – kennt keine Staatsgrenzen. Es verlangt internationale Zusammenarbeit.

 

_________________________________________________

2. Teil

 

Wenn wir die vorher genannten Donau-Merkmale „Strasse Brücke Grenze“ verwenden, so ist eine UNESCO-Bewerbung Passaus nur mit den Begriffen Strasse und Brücke möglich, den Begriff der Grenze müssen wir hintanstellen.

 

Ferner darf die Stadt in einer Bewerbung nicht für sich allein stehen – so als würde sie sich selbst genügen. Gesucht werden von der UNESCO überzeitliche, überregionale Perioden und Entwicklungen mit der besonderen Betonung auf Internationalität, Interkulturalität und kulturellem Austausch. Wir müssen uns also auf zeitlich, räumlich und kulturell übergreifende Phänomene konzentrieren.

 

Ich möchte Ihnen die von mir eruierten so zu sagen „Supra-Regionalen“ Kultur-Erscheinungen Passaus gleich vorab nennen: Es sind drei 1) Die Spätantike – 2) die Passauer Ostmission (wobei wir hier einen unverfänglichen neuen Begriff kreieren müssen, weil „Ostmission“ ideologisch schwer verhunzt worden ist ….) und 3) das Barockzeitalter

 

Personen, Menschen, an welchen man geschichtliche Zeitläufe anschaulich festmachen kann, machen sich immer gut: Eventuell finden wir Persönlichkeiten, die mit Passau in Verbindung stehen und die diese kulturgeschichtlichen Entwicklungen in ihrer Biografie verkörpern.

 

Und, - ein weiteres wichtiges Kriterium - verfügt Passau vielleicht über ein Alleinstellungsmerkmal, das es in irgendeiner Art und Weise heraushebt.

 

Und mit einem allgemein sichtbaren, erfahrbaren, ja begehbaren Alleinstellungsmerkmal möchte ich beginnen: Nämlich die nun wirklich singuläre geografische Lage der Stadt, ihre Topgrafie am und mit dem Fluss, der die Geschichte unserer Region maßgeblich bestimmt hat.

 

Ein Goethe-Zitat tut da immer gut: „Diese Gegend musste geradezu eine Stadt heranlocken“, das hat der Italienreisende Goethe allerdings über Regensburg gesagt – aber es trifft genauso auf Passau zu. (kleines Bonmot, das aber auch beweist. in welch starke Konkurrenz sich Passau mit seiner UNESCO-Bewerbung begibt …..)

 

An der Ortspitze, wo sich Inn und Donau vereinigen, hat die Donau 624 km zurückgelegt und hat noch 2226 km vor sich. Unsere Dreiflüssestadt markiert den tiefsten Punkt des bayerischen Donauraums, hier laufen letztendlich alle Ströme Bayerisch Schwabens, Ober- und Niederbayerns und der Oberpfalz zusammen, wir könnten Passau also auch als den „Abfluss Südbayerns“ bezeichnen.

 

Das Stadtbild ist, wenn man es von Osten, von Südosten, her betrachtet – das sollte ja auch unsere Schauseite der „Schwimmenden Stadt“ sein (kein Haidenhofer, Neustifter oder Heininger sollte deshalb beleidigt sein!) – diese Schauseite offeriert ein harmonisch ausgewogenes Stadtbild mit hoher suggestiver Fernwirkung.

 

Den Mittel- und Höhepunkt bildet der Dom, die architektonischen Gewichte sind von ihm ausgehend gleichmäßig verteilt, auf beiden Hochuferseiten stehen sich Baumassen gegenüber: Burg Oberhaus und Kloster Mariahilf, die sich aber gegenseitig austarieren.

 

 

Die topografische Halbinsel-Lage zwischen zwei Strömen springt jedem Betrachter ja direkt ins Gesicht. Der Domberg war seit jeher hochwassersicheres Gelände und auch seine Abhänge zu den Flüssen hin waren ausgesprochen siedlungsfreundlich. Von den frühesten Zeiten an bis zum Beginn der Massenmotorisierung durfte gerade diese Halbinsel-Situation zudem als sehr verkehrsgünstig gelten, war doch der direkte Zugang zu den Wasserstrassen Inn und Donau auf breiter Front gegeben und auch die Land-Verbindung zum Hinterland problemlos möglich.

 

Erst seit allerjüngster Zeit – wie gesagt mit der Zunahme des Individualverkehrs – ergibt sich eine so genannte Sackgassen-Situation für die Altstadt mit all den uns ja bekannten Verkehrsproblemen.

Geschichtlich gesehen aber darf sich Passau einer ausgesprochenen Siedlungsgunst erfreuen, die sich ja auch in einer nachweisbaren kontinuierlichen Besiedlung von der keltischen Frühgeschichte bis heute zeigt.

 

Und damit wären wir schon in der Stadtgeschichte angelangt.

 

Etwas Licht in die Geschichte kommt mit den Römern und den staatlichen Institutionen, die sie hier errichteten, einen Hafen, eine Zollstation und mehrere Kastelle. Und mit den weiträumig denkenden und handelnden Römern, die ja hier immerhin über 400 Jahre herrschten, gerät Boiodurum, Batavis, Boiotro zum ersten Mal in einen internationalen Kontext, was Politik, Wirtschaft, Kultur und Kunst betrifft. Zwar lässt sich nicht leugnen, dass das römische Passau an der Peripherie des Imperiums liegt und dass die Donau als Limes, also als Grenze, fungiert, doch ist das römische Passau in die dichte Infrastruktur des Römischen Reiches eingebunden und profitiert vom Handels- und Kulturaustausch mit allen Provinzen des Riesenreiches.

 

 

Die römische Staatskunst hat die Unterschiede zwischen all den keltischen, rätischen, und illyrischen Völkern, die sich früher unaufhörlich bekriegt hatten, zu nivellieren und zu befrieden vermocht. Es bildete sich eine zumindest nach außen hin einheitliche Provinzialbevölkerung, deren Amtssprache lateinisch und deren Kultur nach Rom orientiert war. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde der gesamte Großraum zwischen Donauquellen und Donaumündung innerhalb des einheitlichen Staats-, Kultur- und Wirtschaftsgebiets des Orbis Romanus vereinigt. Die durch die Ausbreitung der mediterranen Hochkultur bedingte Zunahme der Bevölkerung und Ausweitung des Kulturbodens bedeutete einen zivilisatorischen Fortschritt, der im Gedächtnis aller Donauvölker bis heute verblieben ist.

 

Die Römer brachten das Kunststück fertig, den Donaustrom sowohl als Grenze, wie als Strasse und als Brücke zu benutzen. Als Grenze, weil er als Limes fungierte, als Strasse in zweierlei Hinsicht, nämlich als Wasserweg und als Landweg, der den Fluss über 2000 Km begleitete und sowohl strategische wie wirtschaftliche Bedeutung besaß - und schließlich als Brücke, als kulturelles Bindeglied zwischen den einzelnen Provinzen und letztlich zwischen dem Westteil des Reiches und seinem Ostteil.

 

Unsere Siedlung zwischen Aenus und Danubius avancierte zu einem urbanen Gemeinwesen, zu einer Stadt im weiteren Sinne, mit gewissen Formen der kommunalen Selbstverwaltung. Diese Urbanität und das damit einher gehende Selbstbewusstsein, das unter den Römern begründet worden ist, wird unsere Stadt die nächsten zwei Jahrtausende, eben bis heute begleiten.

 

Die römische Herrschaft garantierte für lange Jahrhunderte Frieden (Pax Romana) und führte zu einem gewissen Wohlstand, an dem auch breite Bevölkerungsschichten Anteil hatten. Entgegen einem weit verbreiteten Vorurteil spielte Sklaverei kaum eine Rolle. Die Regel war das römische Bürgerrecht. Es hatte zur Folge, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung des Imperiums mit ihrem Staat und mit dem Kaiser identifizierte.

 

Aufgrund der Prosperität und der militärischen Verteidigung dieser Errungenschaften (das wollen wir nicht verschweigen…) erfolgte eine geradezu multikulturelle Bevölkerungsfluktuation – die namengebenden Bataver stammten ja z. B. von der Nordseeküste – auch das ein Zeichen einer für die damaligen Verhältnisse Welt-umspannenden, ja globalen Kultur. Passau gehörte zwar nicht zu den römischen Großstädten an der Donau, aber es war gleichwohl ein wichtiges Bindeglied am Fluss.

 

Passau hatte also an der Antike und ihrer Zivilisation Anteil. Darauf hinzuweisen, erscheint mir im Hinblick auf eine UNESCO-Bewerbung sehr wichtig, Denn in der Antike wurden die Grundlagen unserer modernen Welt gelegt und die Antike war eine universelle Kultur.

 

Und die Antike erfreut sich nach wie vor eines großen, ja wachsenden Interesses, nicht nur bei den Historikern, sondern auch bei den so genannten Laien und allen kulturgeschichtlich Interessiert. Durch die Aufnahme des römischen Limes in das UNESCO-Kulturerbe z. B. ist das Interesse an der Römerzeit und ihrer Auswirkung bis heute sprunghaft gestiegen - ablesbar an einer Fülle von Publikationen nicht nur in deutscher, sondern auch in englischer Sprache.

 

Auch das Christentum, das Passau in den folgenden Jahrhunderten bestimmen wird, ist in der Spätantike zur Weltreligion aufgestiegen. Und zwar nicht nur zur Religion, zum Glauben, sondern auch zur Grundlage einer straffen Administration und der Einbindung der Menschen in eine kirchliche Hierarchie und Verwaltung.

 

Mit der Vita SSeverini steht uns dazu eine wichtige literarische Quelle zur Verfügung. Severin, der im Park unseres Römermuseums Boiotro als etwas zerzauster Wanderprediger und Kohlrabiapostel dargestellt wird, war in Wirklichkeit ein hoch gebildeter römischer Diplomat und ein Verwaltungsgenie, der zwischen 450 und 480 auf internationaler Ebene zwischen den Donauprovinzen und Italien agiert hat.

So eine übernationale Persönlichkeit, die zwischen den Zeiten steht, zwischen römischer Antike und christlich-germanischem Mittelalter, könnte uns bei einer UNESCO-Bewerbung unterstützen. Man müsste dann Severin allerdings von seinem härenen Gewand befreien und den Weihrauch herausklopfen.

 

Das Christentum römischer Prägung, das sich in unserem Raum mehrheitlich schon im 4. Jh. durchgesetzt hatte und das übrigens auch schon die angeblich so wilden Germanen erfasst hatte, - bewirkte nun das kontinuierliche Weiterleben auch in den so genannten „Dunklen Jahrhunderten“ des frühen Mittelalters. Uns fehlen zwar verlässliche Quellen, aber die ungebrochene Weiterführung des antiken Namens Batavis oder Patavia, nun bajuwarisch verformt zu Passawe, Passau ist ein starkes Indiz für eine urbane Kontinuität.

 

739 gilt als das Gründungsjahr des Bistums Passaus und damit des Bischofssitzes in der Stadt, verbunden mit dem Patrozinium des Erzmärtyrers Stephanus, der einen der ältesten und damit bedeutendsten Heiligen der Christenheit repräsentiert. Und - auch das sollte in unserem Zusammenhang erwähnt werden - eines übernationalen und universellen Heiligen, der sowohl von der Westkirche wie der Ostkirche hoch verehrt wird.

 

Für mehr als 1000 Jahre wird die Geschichte Passaus nun von den Bischöfen bestimmt. Und die Stadt Passau wird nun wiederum großräumig eingebunden in den riesigen Donauraum, den der Fluss als Achse durchfließt. Passau wirkt entlang der Donau als geistliches Zentrum über die Ostmark (Österreich) bis nach Pannonien, ja bis zum Eisernen Tor. Und die Donau gewinnt unter Passauer Ägide wieder ihre Funktion als verbindende Strasse und als Brücke nach Mittel- und Südosteuropa hinein zurück.

 

In der großen karolingischen, später ostfränkischen, dann römisch-deutschen Reichspolitik kam dem Passauer Bistum die Aufgabe der Missionierung und der Kolonisierung dieses Raums zu, der von slawischen und awarischen Stämmen besiedelt war und dann von den Magyaren beherrscht wurde.

 

Eine UNESCO-würdige Persönlichkeit ist auf jeden Fall der tatkräftige und zugleich gewiefte Bischof Pilgrim (971-999). Er versuchte das Passauer Bistumsgebiet über die Ostmark nach Ungarn hinein auszudehnen. Dass er sich dabei einer „Frommen Fälschung“ bediente, indem er das Erbe eines angeblichen spätantiken Lorcher Erzbistums, das Pannonien miteinbezogen hätte, auf sein Bistum übertrug, wollen wir ihm nachsehen. Solche „frommen Fälschungen“ waren im Mittelalter eigentlich gang und gäbe.

 

Unter Pilgrim und seinen Nachfolgern konsolidierte sich das Bistumsgebiet in den Grenzen der Ostmark (Österreichs). Entlang der Donau entstanden zahlreiche Tochterkirchen. Die berühmteste sollte 1147 Wien werden. Der „Wiener Steffel“ erinnert noch an das Stephanspatrozinium des Passauer Doms. Landschenkungen vervollständigten den Passauer Machtbereich. Reichhaltige Besitzrechte hielten die Passauer Bischöfe in allen größeren Ortschaften stromabwärts. Geschlossene Herrschaftsgebiete entstanden in der Wachau. Zahlreiche Wachauer Weinberge versorgten den bischöflichen Hof. Auch Linz war längere Zeit von Passau abhängig.

 

Vom 10. bis 12. Jahrhundert wuchs die Diözese Passau nicht nur zum flächenmäßig größten Bistumssprengel des Donauraums, sondern des gesamten Römisch-Deutschen Reiches heran!

 

Mit der Bekehrung der ungarischen Herrscherfamilie zum Christentum gelang Bischof Pilgrim ein wahrhaft spektakulärer Erfolg. Der ungarische Thronfolger wurde auf den Namen des Passauer Kirchenpatrons Stefan getauft. Seine Hinwendung zur römischen Kirche und im engeren Sinne zu Bayern und zu Passau bekräftigte der angehende Herrscher Ungarns, indem er sich mit Gisela, der Tochter des bayerischen Herzogs Heinrich, vermählte. Allem Anschein nach hat Pilgrim, ein naher Verwandter der Prinzessin, diese für die europäische Geschichte so überaus wichtige dynastische Ehe selbst arrangiert.

 

1001 empfing Stephan von Rom aus die Königskrone. Aus dem heidnischen Herrschersohn war durch Pilgrims Wirken der christliche, später heilig gesprochene König Stefan (ungarisch Istvan) geworden! Das von ihm begründete, völkerrechtlich bis 1949 währende ungarische Stephansreich und sein Symbol, die Stephanskrone, sind nach dem passauischen Kirchenpatron benannt.

 

Das pannonische und transpannonische Tiefland, bildete vom Mittelalter, genau vom Jahre genannten Jahr 1001 ab, bis zum Ende der K.u.K. Donaumonarchie 1918, das ungarische Stephansreich, das - in historischer Sicht - die Gebiete der heutigen Slowakei, Kroatiens und Nordserbiens und Siebenbürgens mit umfasst hat. Für diesen Raum, der zugleich auch Teil der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie war, wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Begriff „Mitteleuropa“ geprägt, der gegenwärtig wieder eine Art Renaissance erfährt. Ein bekannter moderner „Mitteleuropa“-Theoretiker“ ist Claudio Magris, der 1986 sein berühmtes Donau-Buch geschrieben hat, das in erster Linie literaturhistorisch und essayistisch ausgerichtet ist.

 

Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit war das Stephansreich die politische Vormacht Südosteuropas, es bezog, wie schon gesagt, die Territorien der Slowakei, Siebenbürgens, Nordserbiens und Kroatiens mit ein. Mit der Herrschaft über den kroatischen Landesteil Dalmatien besaß das königliche Ungarn übrigens auch einen Zugang zur Adria.

 

Das seiner königlichen Verfassung nach unteilbare Stefansreich hat seine Eigenstaatlichkeit auch über lange Perioden osmanischer und habsburgisch-österreichischer Vorherrschaft zu bewahren gewusst. Als Verliererstaat des Ersten Weltkriegs wurde das Königreich Ungarn in den Pariser Vorortverträgen (Vertrag von Trianon) 1919 aufgeteilt und auf die Hälfte des vormaligen Umfangs reduziert. Trianon ist eine auch im heutigen Ungarn als schmerzlich empfundene Zäsur in der 1000 jährigen Geschichte dieses Landes. Die Folge war, dass in allen Nachbarstaaten – im 1918 neu gegründeten Jugoslawien wie in Rumänien - bedeutende ungarische Minderheiten lebten und in der Zwischenkriegszeit hier eine pulverfassähnliche Spannungsregion entstanden ist. Erst an der Seite Mussolinis, dann Hitlers, ging Ungarn seinem Untergang Ende des Zweiten Weltkriegs entgegen. Im Churchill-Stalin Abkommen von Moskau im Jahre 1944 wurde Ungarn zuerst fifty-fifty aufgeteilt, dann aber ganz der sowjetrussischen Okkupation zugeteilt. Nach dem Volksaufstand von 1956 – in welchen der Westen übrigens wegen des 1944er Abkommens und der Verträge von Jalta und Potsdam bewusst nicht eingegriffen hat – beruhigte sich die Lage in der ungarischen Volksrepublik etwas.

 

Laut Chrustchow handelte es sich in der Folgezeit um eine Art „Gulasch-Komunismus“. Im Westen sprach man von der „Fröhlichsten Barracke im Ostblock“. Ohne Zweifel erfreuten sich die Ungarn innerhalb des Sowjetsystems einer Sonderstellung. Und Ungarn war dann das erste Land, das 1989 den Eisernen Vorhang geöffnet hat.

 

In Ungarn hat seitdem ein echter Systemwechsel stattgefunden, das darf man schon behaupten. Die Anbindung an den Westen und an die EU ging relativ reibungslos vonstatten – was selbstverständlich auch mit der tiefen Verwurzelung dieses Donaulandes im abendländischen Kulturkreis zusammenhängt-

 

Zurück ins Mittelalter

 

Gisela, erste Königin von Ungarn

 

Giselas Brautfahrt ins „Hunnenland“ ist später im Nibelungenlied verarbeitet worden, in welchem auch Pilgrim von Passau eine tragende Rolle spielt (s.u.). Mit der zukünftigen Königin zogen zahlreiche bayerische Priester und Adlige, mit deren Hilfe König Stephan sein Reich aufbaute. Als Herrscherin residierte sie zumeist im westungarischen Veszprem (seit 1999 Partnerstadt Passaus). 1026 kam ihr Sohn Emerich (Imre) bei einem Jagdunfall ums Leben, 1038 starb ihr Gemahl. Sieben Jahre später floh sie vor den ausgebrochenen Thronkämpfen in ihre bayerische Heimat.

Ein merkwürdiges Schicksal verbindet Gisela mit Passau, denn ihre letzten 20 Lebensjahre bis 1065 verbrachte sie als Äbtissin des Benediktinerinnenklosters Niedernburg. Ihr Grabmal in der Klosterkirche ist das Ziel andächtiger ungarischer Pilgergruppen. Mehrere Graböffnungen (zuletzt 1995) bestätigten die Beisetzung „einer schlanken Frau von grazilem Körperbau im Alter von etwa 70 Jahren“. Seit 1976 wird Gisela von der katholischen Kirche als Selige verehrt. Die Heiligsprechung läuft – aber da sollte man sich als Stadt nicht einmischen, zumal das ja in der Regel ein jahrzehntelanger Prozess ist.

 

 

……………… ich bin deshalb jetzt etwas ausführlicher auf Ungarn eingegangen, weil zwischen Passau und Ungarn wahrhaftig enge historische Beziehungen über 1000 Jahre hinweg bestehen, auch und gerade emotionaler Art. Jeder halbwegs Gebildete Ungar kennt den Namen Passau und seinen Bezug zu Szent Istvan und zum - vielleicht in der Rückschau verklärten - Apostolischen Stefansreich !

 

Die Donau, die uns mit den ungarischen Königsstätten Esztergom, Budapest und im weiteren Sinne mit Veszprem verbindet, wirkt hier ohne Zweifel als verbindende Brücke innerhalb eines internationalen Kontexts. Und genau das sollten wir in eine UNESCO-Bewerbung miteinbeziehen, nämlich den Brückenschlag nach Südosteuropa – in eine Region, die vor 12 Jahren noch hinter dem Eisernen Vorhang verborgen gewesen ist.

 

Das ist etwas wirklich Außergewöhnliches, das Passau von allen anderen deutschen bzw österreichischen Donaustädten hervorhebt. Ich könnte mir gut vorstellen, dass diese Verbindung bei den übernational denkenden UNESCO-Verantwortlichen Gehör findet.

 

 

Wie unter einem Brennglas verdichten sich viele Ereignisse des frühen und hohen Mittelalters im Nibelungenlied. Seine dramatische Handlung spielt sich im ersten Teil im Rheingau, im zweiten Teil aber vollständig an den Gestaden der Donau ab. Und Passau findet darin mehrfach und immer in wichtigem Zusammenhang Erwähnung.

 

Meine Damen und Herren, das Nibelungenlied und Passaus Eigenschaft als „Nibelungenstadt“ ist an dieser Stelle bereits von berufener Seite ………ausführlich zur Sprache gekommen und ist auch lebhaft diskutiert worden. Ich möchte in unserem speziellen Zusammenhang der UNESCO bemerken, dass die „Causa Nibelungen“ die Stadt Passau ebenso in einen größeren Raum- und Zeitrahmen einspannt. Die Handlung zieht sich ja quer durch das im Hochmittelalter bekannte Europa: Vom nebelverhangenen Nordland ins freundliche Rheinland und von dort der Donau entlang in einen nicht näher bestimmten Osten. Und Passau scheint auf jenem langen Weg den Mittelpunkt, ja eine Art Scheitelpunkt zu bilden.

 

Die Forschung nimmt an, dass der unbekannte Nibelungendichter sich am musenfreudigen Bischofshof Wolfgers von Erla in Passau aufgehalten habe, ja dass der Bischof selbst der Auftraggeber des Epos gewesen sei.

 

 

Wolfger von Erla zählt zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der staufischen Epoche. Er stand mit Kaiser und Papst in engem Verhältnis und versuchte die zwischen beiden Herrschern hochgehenden Wogen diplomatisch zu glätten. Vielfach verbürgt ist, dass sich der Bischof gerne mit Sängern und Dichtern umgeben hat. Wir wissen zum Beispiel, dass Walther von der Vogelweide von ihm „für einen Pelz fünf lange Schilling“ erhalten hat („Walthero cantori de Vogelweide pro pelliceo V solidos longos...“). Zu Wolfgers Kunst- und Literaturfreude mag beigetragen haben, dass er erst als 45-jähriger Witwer in den Dienst der Kirche getreten war und seine „weltlichen“ Vorlieben offenbar nicht aufgeben wollte.

 

Und als Dank - oder als Bedingung! für den Auftrag - sei nun vom Dichter der Passauer Bischof Pilgrim ins Lied übernommen worden, wobei jedem zeitgenössischen Hörer klar war, dass mit Pilgrim in Wirklichkeit Wolfger von Erla gemeint sei. Dieser durchaus überzeugenden These zufolge wäre das Nibelungenlied während des Episkopats Wolfgers von Erla, 1191 bis 1204, in Passau niedergeschrieben worden – eine These, der zweifellos UNESCO-würdig ist.

 

____________________________________

 

Es ist schon ein erstaunlicher historischer Sachverhalt, dass sich Passaus Rolle als „Akteur an der europäischen Kommunikations- Kunst- und Kulturschlagader Donau“– im Wesentlichen in den 1200 Jahren von der römischen Zeit bis ins staufische Hochmittelalter abgespielt hat.

 

Im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit gewinnt das Bistum Passau zwar an politischer Macht - und die Bürgerstadt Passau erfährt einen starken wirtschaftlichen Aufschwung, aber die frühere Internationalität und das Länder-Übergreifende verliert an Boden.

 

Politisch steigt das Bistum in einem kleinen Teil seines Territoriums, dem Land der Abtei, zum Fürstbistum auf und wird somit quasi zu einem autonomen weltlich-kirchlichen Herrschaftsgebiet innerhalb des Römisch-Deutschen Reiches. Die Fürstbischöfe haben Sitz und Stimme im Reichstag und stehen in der Feudalhierarchie ganz oben. Machtpolitisch geraten sie jedoch in die Zange zwischen dem österreichischen Habsburgerstaat und dem wittelsbachischen Bayern – was auch bedeutet, dass das Fürstbistum von seinen internationalen Außenbeziehungen nach und nach abgeschnitten und eingeschränkt wird.

 

Das bürgerliche Passau stagniert zwar einerseits in politischer Hinsicht – es erreicht trotz hohen Einsatzes nicht den Status einer Freien Reichstadt wie z.B. Regensburg, und bleibt der bischöflichen Herrschaft untertan, - aber es prosperiert andererseits wirtschaftlich. In erster Linie vom Salz, vom „Weißen Gold“, dass megatonnenweise aus den Alpen über Salzach und Inn ins salzlose Böhmen transportiert wurde.

 

Dass Passau für zwei Jahrhunderte – von 1390 bis 1590 – als Salz-Umschlagplatz auserkoren wurde und das Stapelrecht zuerkannt bekam, beruhte indessen auf einem hoheitlichen Willensakt und war beileibe keine ökonomische Notwendigkeit. Das zeigte sich, als im ausgehenden 16. Jh. der bayerische Herzog diese Bestimmung quasi mit einem Federstrich aufhob und den Salztransport auf bayerisches Gebiet umleitete. Die Stadt Passau war damit - geschichtlich gesehen „plötzlich“ - von all ihren lukrativen überregionalen Salzhandelsverbindungen abgeschnitten.

 

 

Die Stadt lebte nicht nur vom Salzhandel. Als Böhmen für ein Jahrhundert unter den Kaisern aus dem Hause Luxemburg zum Kernland des Reiches aufstieg, intensivierte sich der Bedarf an hochwertigen Luxusgütern. Die auf dem Passauer Kramplatz (Residenzplatz) angebotenen Waren zeugen – zumindest für das 14./ 15 Jh – von erstaunlich weit reichenden Handelsverbindungen für Orientgüter aus Genua und Venedig. Aber mit dem Übergang der Kaiserkrone an die Habsburger und damit nach Wien endeten auch diese internationalen Beziehungen.

 

Berühmtheit erhielten Passauer Rüstungsgüter mit dem eingestanzten Passauer Wolf als Marke – Schwertklingen, Hellebarden oder Armbrustbolzen. Das Erz dafür wurde von Steyr die Donau heraufgetreidelt und hier verarbeitet. Die Passauer Wolfsklingen waren im Spätmittelalter wirklich in ganz Europa verbreitet – und darüber hinaus: Sogar bei den kriegerischen Tuareg in der Sahara waren sie gefragt!

 

Ich denke aber, mit dieser Art von Außenhandel können wir bei der friedensorientierten UNESCO nicht punkten! Auch der vorher genannte Salz- und Orientwaren-Handel war zeitlich eingeschränkt und reicht für eine UNESCO Bewerbung nicht aus. Das ganze Spätmittelalter und die Frühe Neuzeit ist oder scheint geprägt von provinziellem Hickhack zwischen Bischöflichen und Stadtbürgern und Fehden mit Bayern und Habsburgern. Eine irgendwie überregionale Rolle unserer Stadt vermag man nicht zu erkennen.

 

Ob die in Passau in gewisser Weise zur Blüte gekommene Kunst der Spätgotik in Architektur, Skulptur und Malerei internationale Züge aufweist oder international befruchtend gewirkt hat, vermag ich als Nicht-Kunsthistoriker nicht zu sagen oder zu bewerten. Ich vermute aber, dass es eher Einflüsse von außen waren, die hier etwa auf den Dombau eingewirkt haben.

 

Passau verwandelt im 17. Jh sein Gesicht. An die Stelle von Handel und Gewerbe treten nun Dienstleistung, Hofdienst und kirchliche Ämter. Die Gegenreformation leistet ganze Arbeit – und zwar durchaus auch in fortschrittlicher Hinsicht mit Wissenschaft, Schule, Bildung und Kunst. Mit den Jesuiten betritt ein transnationales und überregionales Element die Stadt.

 

Der Barockstil, erleichtert durch zwei Stadtbrände, welche die alte gotisch verwinkelte Stadt vernichten, verwandelt Passau zu einer neuzeitlichen, lichten und rational angelegten Stadt. Ende des 17. Jh und Anfang des 18. Jh. dürfte Passau zu den modernsten Stadtanlagen Europas in der damaligen Epoche gehört haben. Die Fürstbischöfe und Kardinäle dieser Zeit mit ihren engen Beziehungen zu Rom und Italien beriefen berühmte „welsche“ Baumeister und Künstler und bekundeten damit ihre Weltläufigkeit: Tencalla, Lurago, Carlone …..

 

Der Triumphal-Barock war eine globale Erscheinung, der sich über Italien, Frankreich, über Spanien und Portugal mit ihren Überseereichen, und natürlich auch über Bayern und Österreich-Ungarn erstreckte und auch den protestantischen Norden erfasst hat. Bemerkenswert ist, dass diese Kunstform des Barocco keine reine Herrschaftskunst war, sondern auch das einfache Volk zutiefst erfasst hat (bis heute übrigens). Anfänglich mag der Barock ein Symbol des fürstlichen Absolutismus gewesen sein, gegen Ende hin aber entwickelte er sich zu einer Emanation der Aufklärung und des Wissens.

 

Wir in Passau haben einmalige Denkmäler des Barock, - den monumentalen Dom, die Wallfahrtskirche Maria Hilf und die Jesuitenkirche, - die alle drei eher den fürstlichen Absolutismus verkörpern, wir haben aber auch die Neue Residenz, die mit ihrer durchaus weltlichen Ikonographie in das neue Zeitalter der Aufklärung und des Klassizismus weist.

 

 

…………………mit dem Barockstil, der sich, wie gesagt nicht nur in der obrigkeitlichen Repräsentation und der Hohen Kunst zeigte, sondern auch in Lebensauffassung und Mentalität der so genannten einfachen Menschen, - trat Passau für zwei Jahrhunderte erneut in das internationale Beziehungsgeflecht der damaligen Weltordnung ein. Zu untersuchen wäre noch, inwieweit unser Passauer Barocco überregional gewirkt hat. Die durchbrochenen Dachkuppeln der Maria Hilf Kirche zB weisen eindeutig nach Südosten, in den pannonischen Donauraum. Das müsste nun freilich ein zünftiger Kunsthistoriker klären und darauf könnten wir dann auch unsere UNESCO Bewerbung hin ausrichten.

 

zum Schluß

 

Erst unter bayerischer bzw. Münchner Oberhoheit ist Passau im 19. und bis zur zweiten Hälfte des 20. Jh. dann das geworden, was uns Unkundige noch heute vorzuwerfen wagen, nämlich eine Provinzstadt zu sein. Dass Passau bis in die jüngste Zeitgeschichte eine abgelegene und von der Modernisierung abgeschirmte Provinzstadt gewesen ist, trifft wohl zu. Aber umso größer ist der Kontrast, den unsere heutige, aktuelle Stadt mit ihrer lebendigen Kultur- Kunst- Literatur- und Museumsszene bietet!

 

Eine UNESCO Bewerbung unter den genannten Aspekten lohnt sich allemal, wer Wagt, gewinnt, heißt es Unsere Stadt würde es jedenfalls verdienen.