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Zankapfel Architektur in der Neuen Mitte

Zankapfel Architektur der Neuen Mitte

 

Der Meinung, die Architektur des Kapfinger-Turms der NM könne sich auch in fünf Jahren noch sehen lassen, steht eine Masse von zum Teil vernichtenden Urteilen zur Architektur der NM gegenüber.

 

Das „Forum“ zum Beispiel erhebt seit langem warnend die Stimme, das ECE-Shoppingcenter und die Bauten der Kapfinger-Vermögensverwaltung würden schon auf Grund ihrer Massen das Stadtbild erdrücken und die Architektur werde zwangsläufig medioker sein: dazu müsse man nur die bestehenden ECE-Center andernorts betrachten.

Andere befürchten, dass der Neue Mitte-Turm „aus ödem Glas und Stahl“ in frecher, überheblicher Herausforderung dem Dom städtebauliche Konkurrenz machen will und dabei das unersetzliche Stadtbild zerstört.

Wieder andere bedauern, dass „unter dem Verzicht auf moderne Materialien wie Stahl und Glas“ statt eines schlanken, eleganten Wahrzeichens“ ein „plumpes, langweiliges, fades, regelmäßiges, mit geringen Irritationen befenstertes höheres Haus ohne Eleganz, Originalität und Modernität“ entstehe. Die „Hochnäsigkeit einzelner Fach- und Interessengruppen“ und des Denkmalschutzes erzeuge „lokalanpasserische Kompromiss-Architektur“.

Des weiteren verwerfen Kritiker die in der Presse veröffentlichte, im Gestaltungsbeirat von drei Architekturprofessoren erarbeitete Westfassade des Kapfingerturms als „funktionalistische Fassade“, die, weil der Turm jenseits des Nutzungs- und Verkaufsflächendenkens keine Idee verwirkliche, nur noch „materialistische Phantasielosigkeit und Gestaltungsfaulheit“ sei. „Passaus Möchtegern-Mitte“ sei ein auf Menschenmaße hochgerechneter „Hasenstall“.

Dann sind da auch die vielen, die dem Hellerprojekt nachtrauern. Der nämlich hätte, so meint man, der Stadt jene Architektur gegeben, die der Stadt ein neues Image verliehen und einen „Erlebnisraum und Lebensraum“ geschaffen hätte, wenn nicht die „dummen Passauer“ dies verhindert hätten, weil sie unfähig seien, den Ideen eines Andre Heller zu folgen und - ewig rückwärts gerichtet – offensichtlich am liebsten „in mittelalterlichen Kleidern durch die Stadt laufen“ möchten. Erstaunlich, dass diese Ansicht vertreten wird zu einem Zeitpunkt, zu dem sich die Süddeutsche Zeitung schon lustig macht über den Nicht-Architekten Andre Heller, der „mit seinem Vorschlag für ein Yin-Yang-Museum samt Zen-Garten problemlos jedes Dorfgremium euphorisieren konnte“. Soll heißen: wer den Ideen Hellers folgt, hat den beschränkten Horizont eines Bauerntölpels.

In Anbetracht der divergierenden Meinungen bewahrheitet sich wieder einmal das Sprichwort : über Geschmäcker lässt sich nicht streiten. Jeder hat auf seine Weise recht. Unerträglich jedoch und jeder fairen Debatte abträglich, ist es, wenn Kritiker sich auf das hohe Ross setzen und vom Standpunkt einer vermeintlich höheren Erkenntnis die anderen als geistig minderbemittelt belächeln, gar als gefährlich einstufen und bedauernd feststellen, dass die Diskussion das „Niveau der Bauverwaltung“ habe.

Es ist wichtig, sich Tendenzen in der derzeitigen Architekturdebatte, die sich in den Meinungen der Kritiker widerspiegeln, zu vergegenwärtigen. Wenn man diese kennt, werden die Ursachen harscher Urteile erklärbar und verständlich. Dies wiederum könnte die Diskussion versachlichen und zu mehr Toleranz führen.

 

Zwei Tendenzen müssen dabei besonders in Betracht gezogen werden.

Erstens, der Funktionalismus ist in die Kritik geraten. Mies van der Rohes „less is more“ gilt für viele nicht mehr. Schon der Erfinder des Funktionalismus, Gropius habe erkannt, dass Architektur ohne Idee „nur materialistische Phantasielosigkeit und Gestaltungsfaulheit“ sei. Es gilt: „less is bore“! Dieser Trend befeuert die Kritik an der funktionalistischen Westfassade des Kapfingerturms und auch am neuen Straßenbauamt im näheren Umfeld der Neuen Mitte, dessen konstruktive Ehrlichkeit und Funktionalität der Architektengemeinde als bestechend erscheint, anderen Leuten aber nicht. Die Kritik an der Architektur der Neuen Mitte wird zur Fundamentalkritik am Funktionalismus mit den Schlagwörtern: Sterilität statt Entfaltung! Termitenarchitektur statt Schöpfungsakt des freien, deutenden, fühlenden Menschen! Begründung der Mittelmäßigkeit! Vertreibung des Spirituellen, des Irrationalen und Ideellen!

Natürlich kann der Funktionalismus verflachen und zu menschenfeindlichen Plattenbauten verkommen, aber dass er grundsätzlich Kreativität, Freiheit und Spiritualität missachten würde, lässt sich durch folgende Überlegung von Dr. Mohrs vom Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Passau widerlegen. Der Funktionalismus ist nämlich selbst ein Produkt menschlicher Kreativität und Freiheit und somit natürlich auch Ausdruck einer architektonischen Metaphysik. Und wenn dies für den Funktionalismus als architektonische Philosophie gilt, wie könnte es dann nicht für die Bauwerke gelten, die im „Geiste“ dieser Philosophie geplant und gebaut werden? Funktionalismus dürfe jedoch nicht mit Reduktionismus, Minimalismus oder schlicht mit Geiz verwechselt werden. In einem schönen Büro arbeite sich’s allemal leichter als in einer grauingrauen Betonschachtel – folglich sei das schöne Büro wesentlich „funktionaler“

Die Situation ist also gekennzeichnet einerseits von einer Abkehr vom Funktionalismus (form follows function) und andererseits von einem Festhalten daran, was natürlich zu harten Auseinandersetzungen führt.

Zweitens, einer große Wandlung unterliegt zur Zeit die Bedeutung der Fassade. Architekt Jean Heernskerk vom bekannten Architektenbüro „motorplan“ aus Mannheim hat beim Architektenforum Passau e.V. einen Vortrag gehalten mit dem Titel: „Von der konstruktiven Ehrlichkeit zur Autonomie der Hülle“. Dies beschreibt genau den Wandel der Fassade von der Widerspiegelung der inneren Konstruktion eines Gebäudes zu einem autonomen Gebilde, das jenseits des dahinter liegenden Gebäudes ein Eigenleben entwickelt. Wie das Prachtkleid des Pfaus oder das Geweih des Hirsches hat die neue Fassade keine andere Funktion als die, Aufmerksamkeit zu erregen und sich darzustellen. Die Außenhaut der Allianz-Arena in München ist dafür ein typisches Beispiel. Sie verhüllt total das dahinterliegende Stadion und kann unabhängig von dessen Konstruktion als „Interface“ Farb- und Lichteffekte entwickeln. Die Fassade des ECE-Komplexes zwischen Ludwigsplatz und zukünftigen Zentralen Bushof, erstplatziert im Architektenwettbewerb, ist ebenso eine solche Fassade. Wie eine Kulisse wird sie in einem kurzem Abstand vor dem eigentlichen Gebäude hängen und das Ensemble einer Straßenreihe Passauer Altstadthäuser imitieren. Die Fassade dort löst ein schwieriges architektonisches Problem: nämlich, wie man die Fassade einer Shopping-Mall, die völlig auf den in ihrem Zentrum gelegenen Lichthof mit seinen Passagen ausgerichtet ist und daher mit Schaufenstern eines traditionellen Kaufhaus nach außen nichts anfangen kann, gestalten soll. Als geschlossene Mauer mit Dekor? Mag sein, dass viele Betrachter angewidert einen Hauch Las Vegas verspüren und wegen der Kulisse und fehlender „Ehrlichkeit“ die Nase rümpfen, andere werden die Farbigkeit und Vielgestaltigkeit der Lochblechfassade begrüßen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine weitere Passauer Hüllendiskussion, nämlich der Streit um die Schlemmung des Doms. Hier stößt die Hülle, obwohl sie den Originalzustand entspricht, auf den entschiedenen Widerstand einer Bürgerinitiative. Man befürchtet, der steinerne Charakter des Doms werde übertüncht und hinter einer Hülle versteckt. Ein Baudenkmal wie der Dom müsse altern dürfen und, ihn mit einer Schlemme zuzudecken, sei ungefähr so würdelos, wie eine alte Frau zu schminken.

Auch diese Diskussion über konstruktive Ehrlichkeit oder Autonomie der Hülle wird die Öffentlichkeit bewegen, ganz abgesehen von dem Erschrecken, das die Passauer erfassen wird, wenn einmal die Bauten in ihrer ungewohnt geballten Masse dastehen werden und sie rätseln werden: ist das der Supergau oder der Superbau?

Klaus Schürzinger