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Chancen und Versäumnisse in der Stadtentwicklung Passaus

Vortrag für die FWG

von Dr. Martin Ortmeier

 

 

ANSICHTEN ZUR ENTWICKLUNG DER STADT PASSAU SEIT 1970 

Chancen und Versäumnisse in der Stadtentwicklung

 

Wortlaut des Vortrags für die FWG Passau am 26. Oktober 2005, den uns Dr. Martin Ortmeier freundlicherweise überlassen hat.

 

Sehr geehrte Damen und Herren, 

lieber Alois Feuerer, sehr geehrter Herr Schürzinger,

 

da hat einer den Mund voll genommen, in einem Interview mit Alois Feuerer, jetzt muss er einen Vortrag halten. Manche werden sich erinnern: In der Zeitschrift des Kunstvereins Passau vom Juni 2005 habe ich auf die Frage, ob ich stolz sei auf meine Heimatstadt, geantwortet: Nein, denn ihre Willfährigkeit gegenüber jeglicher Macht und die Kurzatmigkeit ihrer Stadtplanung sind peinlich. Nun bin ich den Beleg schuldig. 

 

Ich will mich im Folgenden bemühen, meine Meinung wenn nicht zu belegen (was ich ja nur bei der Behauptung einer unzweifelhaften Tatsache tun müsste), so - als meine Meinung - doch wenigstens zu begründen.

 

Wir könnten vom Kirchenplatz in der Innstadt sprechen, von den Bausünden in Bayerisch Haibach, vom unendlichen Desiderat eines Fußwegs auf der Ries. Ich will mich konzentrieren auf die folgenden Bereiche, weil diese für das alltägliche Gelingen der Stadt als Bürgerschaft und für die äußere Erscheinung der Stadt, das Stadtbild von besonderer Bedeutung sind.

· Anger und Vilshofener Straße 

· Schanzl-Brücke Nord: Organisation der Fuß- und Fahrwege 

· Schanzl-Brücke als gestaltetes Brückenbauwerk 

· Donaulände als Stadtbrache seit Jahrzehnten 

· Ludwigsplatz 

· Die Sorgfalt im Detail

 

Diese Teilbereiche, die ich hier behandeln will, sind eingebettet in größere Zusammenhänge: Nach 1950 hat Passau 5 umfangreiche, das Stadtbild prägende städtebauliche Aufgaben bewältigt bzw. mitgetragen: 

· Hochwasserfreilegung der Ilzstadt 

· Sanierung der Altstadt als Wohnquartier 

· Ausbau der Bundesstraßen 8, 12 und 388 im Stadtgebiet · Umbau des Bundeswehrgeländes in Kohlbruck zu einem Wohn- und Gewerbestadtteil 

· Errichtung der Universität Passau im ehemaligen Gewerbe-, Industrie- und Wohngebiet Innstraße 

 

Manches ist gut gelungen, vieles nur mäßig, einiges ist missglückt, das eine oder andere ist als sehr gut anzusehen.

Dazu kommen zwei unvollendete Projekte: die Neue Mitte und die Donaulände.

Ich betrachte diese Sachverhalte als Kulturhistoriker in Hinblick auf die städteplanerischen Lösungen und Versäumnisse. Ich frage nicht nach den Ursachen des Misslingens oder des Erfolgs, denn das wäre Politik, was nicht mein Fach ist. Und ich werde mich auch nicht mit der Neuen Mitte beschäftigen. Denn die Fragen, die wir an den oben genannten Beispielbereichen aufwerfen, sind von allgemeiner Natur, so dass sie jeder von Ihnen auf diesen neuen Sachverhalt nach eigenem Ermessen anwenden kann.

Wohlgemerkt: Ich referiere nicht als Fachmann für Städtebau. Ich spreche als Flaneur, als einer, der sich seine Heimatstadt auf seinen zwei Beinen ergeht - und der sich dabei Gedanken macht. Dass ich für dieses Denken über den Zustand und die Entwicklung meiner Stadt mein Wissen und meine Erfahrung als Handwerker, als Kunsthistoriker und Literaturwissenschaftler heranziehe, das ist natürlich und legitim. Ich bekenne, dass ich auf meinen Gängen durch die Stadt oft leide - an den Spuren der Versäumnisse, der Ignoranz und Indolenz, der Nachlässigkeit und des Egoismus. Ich leiste mit meinem Vortrag hier also gleichsam Trauerarbeit. Dass mir die FWG Passau dazu Gelegenheit gibt, dafür danke ich recht herzlich.

 

Gleich zu Beginn meines Referats will ich die Frage aufwerfen, was das Durchgängige an den Versäumnissen ist, die wir an den Beispiels-Orten feststellen können. 

 

Meine Prämissen sind: Es werden keine langfristigen städtebaulichen Ziele gesetzt. Wo dazu Ansätze gemacht wurden, werden sie nicht beachtet. Es wird nicht in städtebaulichen Gesamtzusammenhängen gedacht und gehandelt, sondern immer nur isoliert für begrenzte Räume. Vor allem aber: Lösungen werden nur technisch bedacht, der Mensch, der Bürger Passaus als Ganzheit mit Geschichte, Gewohnheiten, Wahrnehmungs- und Handlungsmustern wird vergessen. Dabei wäre es sehr einfach: Man müsste ihn nur auch als homo ambulans betrachten, nicht lediglich als homo oeconomicus und vor allem nicht bloß als homo automovens.

 

Über den großen Zukunftsprojekten wird das vergessen, was jetzt im Kleinen, im Einzelnen zu tun ist. Es gibt so viel Gelegenheit, die Fehler der kalten, bauwütigen, beton- und asphaltverliebten 70er und 80er Jahre zu beseitigen oder zu mildern. Wir sollten diese Gelegenheiten ergreifen. 

Die beiden Vorplätze der vorbildlich sanierten St. Anton-Kirche hätten z.B. längst den Bürgern zurückgewonnen werden können. 

Der ganze Bereich Unterer Sand-Stadttheater-Redoute kann uns zu einem Handeln ermutigen. Dort ist Leben entstanden, dort mag man sich aufhalten. Deshalb können dort zunächst gastronomische Anbieter bestehen. Und auch Läden haben sich in diesem Stadtraum wieder eingestellt.

 

Als ich den ersten Entwurf meines Vortragstyposkripts mit einer Nacht Abstand wieder durchlas, war ich verblüfft über die durchgängige Nörgelei, die sich da eingenistet hatte. Jetzt will ich mich bemühen, neben dem Aufzeigen der Mängel Perspektiven für eine Verbesserung zu formulieren. Ich hoffe, das gelingt mir ausreichend. Aber ich will mich gar nicht zu stark zurückhalten mit dem Nörgeln, denn so etwas Dilettantisches wie die jüngste Sanierung der Schanzl-Brücke soll nicht wieder passieren.

Anger und Vilshofener Straße

 

Man ist geneigt, die eigene Meinung stets vorrangig zu beachten. Deshalb war ich dankbar, als ich in der Passauer Neue Presse vom 13. Oktober 2005 eine Äußerung des Schardenberger Bürgermeisters Johann Schachner las, die mir erlaubte, Passau mit den Augen eines anderen, vor allem eines mit anderen Interessen behafteten zu sehen: "Ich sage euch was, liebe Nachbarn - (...) eine echte Lösung bringt nur (...) der Bau einer zweiten Straße durch die Innstadt. Vielleicht eine Uferpromenade wie in Hacklberg, die ist wunderbar." Ich habe mir die Mühe gemacht, die schöne Promenade am Donauufer Hacklbergs vom gegenüberliegenden rechten Donauufer aus zu betrachten. Das war schwierig, man kann leicht zu Tode kommen, wenn man das rechte Donauufer erreichen will. 

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Wenn ich dann von dort aus den Verlauf der "Hacklberger Uferpromenade" von der Schanzl-Brücke Richtung Maierhof überblicke, dann frage ich mich, warum dieser Verlauf immer waagrecht sein muss, gleichgültig, wie sich dahinter das Niveau der älteren Bebauung verhält und gleichgültig, wo ein Dobel oder ein Bachtal ins Donautal mündet, wo ein herausragendes Bauwerk steht, wo wichtige Straßen des Stadtteils Hacklberg in diese Straße einzweigen. Ich frage mich auch, warum dieser Verlauf nicht manchmal weiter zur Donau herausschwingt, um der Entwicklung des Stadtteils an wichtigen Stellen Raum zu geben. Und ich frage mich, warum die Abwicklung der Straße nicht an wichtigen Punkten durch Verkröpfungen, Bauwerke, ein kräftiges Kunstwerk oder auch naturnahe Uferphänomene der Donau unterbrochen wird.

Das Versäumnis, der Straße wechselndes Höhenprofil zu geben, ist ganz besonders deutlich am Anger. Hier wird auch die ästhetische - und ethische! - Haltung der für diesen Straßenbau Verantwortlichen offensichtlich: Der Mensch mit seiner Behausung und der Mensch als nicht Kraftstoff verbrauchender Fußgänger ist ein peinliches Hindernis. 

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Die B12 ist am Anger ohne Rücksicht auf die anliegenden Häuser, die z.T. sogar in enge Gräben versenkt wurden, waagrecht durchgezogen, außerdem exakt geradlinig, als müsste man 180 km/h fahren können. Dass beim Bau dieser Straße keine städtebaulichen Überlegungen angestellt wurden, ist an den beiden Orten, wo sich eine kleine Platzbildung anbieten würde, und bei der Hängebrücke, wo sie unerlässlich wäre, offensichtlich. Blickbeziehungen über die Donau, Zugänglichkeit des Flusses, Anbindung der Wege zur Oberhauser Leite.... alles nicht bedacht! Vor allem dort, wo die Treppe von Bergfried herunterkommt, müsste, zumindest gestalterisch, ein Platz Vorrang vor der Achse der B12 haben. Dieser Platz müsste sich auch an der Stützwand der Straße und am Ufer der Donau abzeichnen und von gegenüber zu erkennen sein. 

Es wäre kein Aufwand gewesen, am Anger die stadteinwärts führenden Fahrspuren auf das Niveau der Häuser abzusenken. Dass diese zwei Spuren in zehn Jahren fünf Tage durch Hochwasser behindert sind, wäre wohl hinzunehmen. Jetzt kann nur noch mit gestalterischen Hilfsmitteln der Schaden gemildert werden, der hier der Stadt zugefügt worden ist.

An zwei Stellen ist am nördlichen Donauufer die Donau zugänglich geblieben: bei der kleinen Schiffsanlege gegenüber vom Rathaus und dort, wo zwischen Hacklberg und Stelzlhof der Neumüllerbach in die Donau mündet, wo nämlich die B12 auf Stelzen geführt ist. Zwischen diesen zwei Punkten kann am Fuß der Stützwand ein vom Verkehr abgeschirmter Weg eingerichtet werden. Das wäre eine Promenade für die Bürger, die vielleicht sogar dem Bürgermeister von Schardenberg gefallen würde. Die erwähnte Schiffsanlege ist jetzt noch ein hässlicher dunkler Schacht. Was man daraus machen kann, wäre z.B. in Graz zu studieren. Und wenn man wirklich eine Fördereinrichtung zum Oberhaus bauen will, dann bietet sich dieser Ort als Fußpunkt an. Versuchen Sie einmal, meine sehr geehrten Damen und Herren, zu Fuß von der Bschütt bis nach Maierhof zu gehen. Sie werden es unter den jetzigen Verhältnissen kein zweites Mal tun.

Aber das ist lange her, dass diese Straße so gebaut wurde: siebziger Jahre. Inzwischen sind wir klüger geworden, mag ein ehrlich betroffener Straßenbauer einräumen. Das kann sein, aber man merkt es nicht. 

 

Damit komme ich zum nördlichen Brückenkopf der Schanzl-Brücke.

Schanzl-Brücke Nord: Organisation der Fuß- und Fahrwege

Zunächst betrachten wir an dieser Stelle die Organisation der Fuß- und Fahrwege. Eine Prämisse sei formuliert: Eine zusätzliche Strecke von 20 Metern ist einem PKW eher zuzumuten, als einem Fußgänger. Wenn man diese Prämisse bei der in den Jahren 2002 bis 2004 geschehenen Sanierung der Brücke in die Tat umsetzen hätte wollen, hätte es genügt, bei frischem Schnee zu schauen, wo ausgetretene Pfade zu erkennen sind. 

Dann hätte man festgestellt, dass niemand zu den betonierten Sitzbänken bei den Theuerjahr-Fischen geht, dass die Schüler von Freudenhain statt des vorgeschriebenen Slaloms von der rechten auf die linke und wieder auf die rechte Straßenseite einen direkten Weg den Bordstein entlang und quer über die Straße gehen, und dass die Fußgänger, die vom Anger und vom Sturmbergweg kommen, nicht den Haken zur Ampel schlagen, den Ihnen die Straßenbauer abverlangen, sondern dass sie zwischen den an der Ampel wartenden Autos die Straße frei überqueren. Der Sturmbergweg, immerhin eine Achse von beträchtlicher Länge, rumpelt am Fuß des Berges auf die an den Ampeln wartenden Autos, dort wo eigentlich die Stadt mit ihren Dienstleistungen und Einzelhandelsangeboten in der alten Fußgängerzone und in der Neuen Mitte erschlossen werden sollte. 

Zu den Straßen: An der Stelle, wo von Freudenhain die Alte Rieser Straße herunter kommt, sind unmittelbar nebeneinander parallel verlaufend neun Fahrspuren errichtet, mindestens 2 davon sind völlig redundant und wären auch ohne großen Bauaufwand einzusparen. Ich zeige Ihnen an einem einfachen Beispiel, was sich die Stadt dort vom Bauherren der Straße ohne Widerspruch seit mehr als dreißig Jahren bieten lässt: totes Ende der Stützwand am Eingang der Vilshofener Straße. 

Die Flächen vor den neuen Geschäftsräumen der Lokalredaktion der Passauer Neuen Presse an der Parkstraße sind ein hypertropher Stauraum für Autos hinter den Ampeln. Gibt es nichts Wichtigeres? Weiß überhaupt noch jemand, warum das Parkstraße heißt? Am nördlichen Brückenkopf der Maxbrücke war eine kleine Grünanlage eingerichtet, die man donauaufwärts zu einem stadtnahen Uferpark erweitern wollte, ein Naherholungsraum für die Bewohner der Neustadt.

Ich sehe für diesen Bereich des öffentlichen Raums eine einfach umzusetzende Maßnahme, nämlich das Zurückverlegen der Ampel an der Parkstraße um etwa 20 Meter. Auf diese Weise entsteht ein großzügiger Fußgängerübergang. Verloren geht Stauraum an den Ampeln für 12 Fahrzeuge. Auch andere kleine Verbesserungen wären möglich - wenn man will. Darüber hinaus aber ist eine komplette städtebauliche Überplanung notwendig, eine Planung, die sich nicht allein mit dem Fluss des Kraftverkehrs, sondern auch mit dem Menschen und mit dem Stadtbild beschäftigt. Die Chance dazu wurde leider erst kürzlich vertan.

Schanzl-Brücke als gestaltetes Brückenbauwerk

Die für den Überlandverkehr zuständige Staatsbehörde hat in den 60er Jahren vorgetragen, dass der Kraftverkehr an dieser Stelle eine leistungsfähige Donauüberführung braucht. Dem Kraftverkehr wurde eine mächtige Schneise durch die Stadt geschlagen. Die Fußgänger dagegen müssen am Schanzl in einen engen, dunklen Kanal hinabsteigen. 

Die älteren Häuser beidseits des Schanzls sind ein ganzes Stockwerk unter das Straßenprofil gesunken. Wenig später wurde die Steinbachmühlbrücke in Angriff genommen, schon war die überörtliche Bedeutung der Schanzl-Brücke Vergangenheit. Die Stadt hat sich gefügt und sie hat versäumt, bei der Gestaltung darauf hinzuwirken, dass die Erfordernisse des Stadtbildes berücksichtigt werden. Dieser Vorwurf gilt auch für die Renovierung der Brücke in 2002/2004. Es ist erfreulich, dass nun im Zuge der Verkehrsplanung für die Neue Mitte die Bahnhofstraße wieder in der gesamten Länge zugänglich gemacht wird, wir sehen also gute Vorzeichen.

Betrachten wir die Schanzl-Brücke einmal in ihrer Gesamtheit als gestaltetes Brückenbauwerk. Mit all Ihren Rampen ist sie keine Brücke im eigentlichen Sinn, sie ist eine Straße auf Stelzen, sich windend, teilend, ohne Anfang, ohne Ende. Brückenköpfe und freitragende Brücke, Brücke und Rampen gehen ohne Gliederung ineinander über, die Fußwege sind unwirtlich und in der Führung und Vernetzung grob mangelhaft, die Positionierung der Theuerjahr-Plastik ist infolge des Fehlens einer Gesamtplanung beliebig. Die Gleichgültigkeit des Bauherrn der Brücke gegenüber den Bürgern, den Geschäften und den Gästen dieser Stadt wird besonders offenbar am Auslauf der östlichen Rampe am Fuß des Peschlbergerls. 

Während den Kraftfahrzeugen drei großzügige Spuren eingerichtet sind, müssen die Fußgänger, die von der Brücke kommen, treppab, treppauf und zwischen parkenden Autos hindurch sich zur Wittgasse hochkämpfen, diejenigen, die von der Fritz-Schäffer-Promenade kommen, haben es kaum besser. Dabei wäre hier für viele Menschen, Bürger der Stadt und ihre Gäste, die Anbindung an die Angebote der alten Einkaufsstadt zu bewerkstelligen. Schön wäre ein kleiner Steg vom Fuß der Wittgasse über die Obere Donaulände. Dadurch könnten auch die Parkplätze unter der Rampe menschen- und wirtschaftsfreundlich an die Fußgängerzone angebunden werden. Ausreichend wäre zunächst eine Verbesserung der Fußwege von der Fritz-Schäffer-Promenade und der Unteren Donaulände über das Peschlbergerl zur Rosstränke; außerdem an der Oberen Donaulände ein Vorrang der Fußgänger, die von den Parkplätzen unter der Rampe zur Wittgasse, zur Großen Klingergasse und zur Brunngasse streben.

Aber zur Frage des Stadtbildes: Am Fuß des Peschlbergerls, also unmittelbar am Rand der Altstadt, beginnt das bedeutende Schanzl-Brückenbauwerk mit seiner stadtseitigen Ostrampe. Das verlangt eine Gestaltung, einen Auftakt, ein optisches Widerlager. Aber schauen Sie doch einmal, was dort eine hochqualifizierte Baubehörde geleistet hat. 

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Sie war nicht einmal bereit, die verbauten Granitabdeckungen ordentlich ausmessen zu lassen, so dass unbeholfen ein Steinchen eingeflickt werden musste.

Donaulände als Stadtbrache seit Jahrzehnten

An der Donaulände wird nun endlich - 40 Jahren nach der Auflösung des Hafenbahnhofs und dem Abbruch der Agenzie-Gebäude! - die Gestaltung der Hafenbrache angepackt. BD Scheuerecker hat dazu schon vor vielen Jahren wichtige städteplanerische Grundlagen erarbeiten lassen. Aber nun wird nicht nach der besten Lösung gerungen. Es wird kein erfahrener Städteplaner beigezogen. Die Stadt hat die Umsetzung aus ihrer Hand weggegeben, an einer Stelle, die für ihre zukünftige Gestalt von herausragender Bedeutung wäre.

Nach meiner Überzeugung stehen dort folgende wesentlichen Leistungen auf der Agenda: 

 

1. Fortsetzung der Abfolge von Donauuferplätzen, die an der Ortspitze beginnt, über die Lände am Ort und den sorgfältig erneuerten Römerplatz sich fortsetzt und bisher am Rathausplatz ihr Ende findet. Ich halte es für unerlässlich, den einstweilen ungebrochenen Vortrieb des Straßenverlaufs zukünftig am Rathausplatz im Rahmen einer Neugestaltung zu bremsen. Für weitere Zäsuren, die dem Verlauf der Donaulände mit ihren Schiffsanlegestellen Rhythmus geben, können zwei weitere, neu geschaffene Plätze sorgen. Die jetzt zur Gestaltung anstehende Donaulände bietet zu solchen Plätzen an ihren beiden Enden Anlass und Möglichkeit. Ich wünsche mir zwischen Schanzl und Ortspitze an der Donau eine Abfolge von großen und kleinen Plätzen, wie Perlen an einer Schnur. Wenn es Passau je schaffen will, mit seiner alten Stadt als bedeutendes Kulturerbe anerkannt zu werden, dann muss sie hier an der Donaulände gute und sehr gute Arbeit leisten, mit einem "rite" dürfen wir uns nicht zufrieden geben.

 

2. An der Donaulände gibt es bisher keine leistungsfähige und ästhetisch hochwertige Anbindung an Dom- und Residenzplatz und schon gar nicht an die Fußgängerzone. Das ist nicht nur ein städtebauliches Versäumnis, es ist auch wirtschaftlich unvernünftig. Dort an der Lände finden sich konsumbereite Gäste ein. Wie es die Tourismuswirtschaft bereits festgestellt hat: Von den dort zum Konsum bereitliegenden Mitteln wird nur ein mäßiger Teil tatsächlich in Passau abgeschöpft.

 

3. Stellen Sie sich auf die Schanzl-Brücke oder gegenüber an den Anger und verfolgen Sie mit den Augen die Abwicklung der nördlichen Stadtfront. Sie werden feststellen, dass das Auge keinen Halt findet. Es fehlt ein sogenannter Ankerbau. Ich plädiere nicht für die Wiedererrichtung des 1889 abgerissenen Palkerstein-Turms. Aber die Erinnerung daran kann uns illustrieren, was hier fehlt: Architektur. Eine Allee, wie sie jetzt als Versatzstück geplant ist, kann ein herausragendes öffentliches Gebäude an diesem Ort nicht ersetzen. Dieses Allee-Stückerl: Von wo nach wo führt es eigentlich, welche Sichtachsen eröffnet es? Ist eine altstadtnahe ehemalige Lände überhaupt der richtige Ort für ein spätbarockes Alleechen?

Noch einmal: Wo ist an der Donaulände die praktische und die ästhetische Vernetzung zur bürgerlichen Altstadt, zum Domberg und zum Neumarkt vorgesehen? Wo ist das Mitte setzende Bauwerk stadtbildprägender Gestalt? Und am Rande tritt auch hier wieder die Frage auf: Was geschieht mit dem erhaltenen Brückenkopf der Maxbrücke am Fuß der Wittgasse?

Warum überhaupt ist die Neugestaltung der Donaulände eine so bedeutsame Maßnahme? Die an der Donau gelegene Nordseite der Stadt war nie die sunny side, hier war der Platz von Umschlag, Gewerbe, Handwerk und auch militärischer Befestigung. Erst im neunzehnten Jahrhundert wurde begonnen, dieser Seite ein Stadtbild zu geben. Im Zuge des Bildungsverfalls, der mit dem Nationalsozialismus einherging, wurde dieses Ziel verloren. Wir sollten es jetzt endlich wieder aufgreifen und dazu alle Kräfte einsetzen. Es darf nicht passieren, dass - wie bei der Sanierung der Schanzl-Brücke - die jetzt offene Chance nur halbherzig genutzt wird. Was aus einem verfallenden Gewerbegebiet gemacht werden kann, hat uns ein kluger Bauherr an der Universität vorgeführt. Der Passauer Campus ist Vorbild, das wir gar nicht genug studieren können.

 

Ludwigsplatz

Ein Kern der städtebaulichen Probleme Passaus ist der Straßenbau des Landes. Ihm, der nie den Menschen, nie die Stadt, immer nur den freien Fluss des Kraftverkehrs sieht, hat man vor vielen Jahren die Gestalt der alten Neustadt geopfert: 1870 wurde zuerst das Tor am Ludwigsplatz abgerissen, dann 1964 das zweite "Tor", die Einschnürung zwischen dem alten Zacharias-Haus, Ecke Brunngasse, und der Votivkirche. Heute flutet die Ludwigsstraße an dieser historischen Stadtgrenze gestaltlos nach Westen ab. Ich konnte den Begleitplanungen zur Neuen Mitte nicht entnehmen, dass die Neugestaltung des Ludwigsplatzes diesem Defizit Rechnung tragen würde. Mir scheint, es ist gar nicht erkannt.

Wenige Jahre nach der Opferung der Ludwigsstraße für den Kraftverkehr wurde die Schanzl-Brücke gebaut, fertiggestellt 1970. Das willfährige Aufbrechen der Ludwigsstraße erwies sich dadurch binnen kurzer Zeit als unnötig.

 

Ein ähnlicher Fall ist das von Georg Philipp Wörlen in einem Holzschnitt verewigte Paar der halbrunden Häuser am Beginn des Fürstenwegs in Hacklberg. Weil die Vilshofener Straße mit Lastkraftwagen nicht im Gegenverkehr befahrbar war, wurde das hangseitige der beiden Häuser abgerissen, zunächst - symbolisch für den Geist dieser Zeit! - durch eine Tankstelle ersetzt, jetzt steht dort ein Bankgebäude minderer Gestalt. Der Bau der vierspurigen Donauuferstraße hat den Teilabbruch dieses bedeutenden Ensembles als kurzsichtig entlarvt. Gerechter Weise muss man sagen, dass die Donauuferstraße die Vilshofener Straße vom Schwerverkehr befreit hat. Nur: Hat man diese neu gewonnene Freiheit genutzt, dass man der alten Straße neue Gestalt, den Menschen, die dort wohnen und die dort gehen, mehr Raum gegeben hätte? Man hat nichts getan. Hat es in Hacklberg überhaupt jemals Stadtplanung gegeben? Wir sollten das schnell nachholen, damit jede dort anstehende Maßnahme in Hinblick auf eine gestaltete Zukunft ausgerichtet werden kann. Zurück zum Ludwigsplatz. Bürgerlicher Widerstand hat dafür gesorgt, dass die platzseitigen Fassenden des ECE-Ladens eine angemessene Gestaltung bekommen. Ich meine, dass nun auch die Stadt dazu beitragen muss, dass dieser Platz wieder eine Mitte bekommt, eigenes ästhetisches Gewicht. Die Errichtung eines aus einem Wettbewerb hervorgehenden Kunstwerks kann dazu ein Mittel sein.

 

Die Sorgfalt im Detail

Stadtraum-Erlebnis ist von Kleinstrukturen abhängig. Ein Beispiel: 

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Am Dietrich-Bonhoeffer-Platz versinkt das Eckhaus zur Theresienstraße im Boden. Hier hätte eine Absenkung des Fußwegs (mit Geländer, Stufen usw.) Kleinstruktur bieten können und vor allem Hinweis auf die historischen Bedingungen einer Stadterneuerung und -entwicklung gegeben. Jede Verkröpfung des Fassadenverlaufs, jede Abweichung von der Horizontalen, jede Verwindung des Fahrwegs bremst den Blick und hemmt den Schritt - und lässt uns in ein Schaufenster schauen oder in das Gesicht eines Passanten. Ähnliche Versäumnisse und "Flurbereinigungen" geschehen bei jedem Sanierungsschritt, in der Fülle nehmen sie der Stadt ihren Charakter, ihre Verweilwürdigkeit. Wie nachlässig die Arbeit am Detail oft getan wird, zeigt uns der nördliche Brückenkopf der Marienbrücke. 

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Innabwärts ist die massive Brüstung zufrieden stellend bis an den Rand des Brückenkopfs herangeführt (wenn auch die Anbindung des Geländers dilettantisch ausgefallen ist.) Vis a vis bricht jedoch diese Steinbrüstung bereits vier Meter vor dem Ende des Brückenkopfs ab: eine hässliche Asymmetrie und ein Fauxpas vor diesem schönen klaren Brückenindividuum.

 

Aber ich will zum Abschluss meines Vortrags, der nun doch im wesentlichen Klage über Versäumtes führte, Gelungenes erwähnen: Der geduldige Rückbau der Leuchtreklamen und die Verbannung der billigen Plastikstühle aus der Fußgängerzone, die deutlichen Verbesserungen in der unteren Theresienstraße und im ganzen Unteren Sand bis weiter zur Redoute, das List-Haus in der Innstadt, der Römerplatz.

 

Auch das neue Kohlbruck ist eine beachtliche Leistung. Allerdings ist es städtebaulich auf der Höhe der siebziger Jahre: Vorrang des Kraftverkehrs vor dem Fußverkehr, Baugevierte, banal umschlossen von Kraftstraßen. An der Uni wäre eine zeitgerechte Entflechtung zu studieren. Wundert es Sie, dass in Kohlbruck kein Stadtleben festzustellen ist? Kunstwerke sind dort nur Deko, ausgewählt ohne Fachbeteiligung nach nicht fachlichen Gesichtspunkten. Ein selbstbewusstes Stadtparlament setzt durch, dass dort ein Werk platziert wird, das die Würde eben dieses Parlaments zum Ausdruck bringt. Und das der Bedeutung dieser großen städtebaulichen Aufgabe, die dort bewältigt wurde, angemessen ist.

Zu diesem Selbstbewusstsein will ich Sie als Stadträte aufrufen. Und alle Bürger will ich animieren, teilzunehmen an der Diskussion um eine Verbesserung unserer Stadt. Bei allen Fehlentwicklungen und Versäumnissen: Sie ist es wert.

 

 

Stimmen aus der Diskussion im Anschluss an den Vortrag:

 

Freiherr von Freiberg: 

Fremdsprachliche Begriffe wie "Piazza" oder "Forum" verdecken nur die "Peinlichkeiten der Planung. Mit "Erschrecken sieht man, was entsteht". Das "Hochhaus" ist eine "Bausünde". "Wer entscheidet eigentliche über die Ästhetik der Bauten der Neuen Mitte"

 

StR M. Koopmann und StR P. Kastner: 

Der Verlust historischer Bausubstanz in Passau lässt sich unter anderem auf die "Ignoranz und das fehlende Bewusstsein des Bauausschusses für die Bedeutung historischer Bausubstanz" zurückführen. 

Das "Milchhäusl" am Starkpark zum Beispiel konnte nur mit Hilfe des Denkmalschutzamtes gerettet werden. 

Die Stadt entwickelt keine eigene Lösungen, sondern springt nur auf fahrende Züge auf. 

Das Verkehrschaos gibt es schon jetzt, obwohl die Neue Mitte noch gar nicht gebaut ist. 

Der sogenannte Hotelturm der Neuen Mitte wird nicht aus Gründen einer städteplanerischen Notwendigkeit gebaut, sondern weil sich der Investor von Anfang an mit seinem Hotelhochbau durchgesetzt hat.

 

StR K. Schürzinger: 

Die Aufgabenstellung des Baus eines Hochhauses war ursprünglich im Auslobungstext für den städtebaulichen Wettbewerb enthalten. Sie wurde jedoch gestrichen, weil "man sich den Wettbewerb sparen könne, wenn von vorneherein bestimmt werde, was gebaut werden soll". Der Investor habe dann gedroht auszusteigen, sei aber dann doch geblieben. Der Turm als "städtebauliche Dominante" sei die Idee des Wettbewerbsiegers, des Büros Morphologik aus München. Auch die Professoren des Gestaltungsbeirats haben die Notwendigkeit einer "Dominante" in der langen Fassade der "Stadtkante" von der Augustinergasse bis zur Bahnhofsstraße erörtert und sich dafür entschieden.

 

F. Brunner, Vorsitzender des Forum Passau: 

Zu Zeiten des OB W. Schmöller konnte sich das Forum viel besser in die Diskussion einbringen als jetzt unter OB A. Zankl. 

"Frustriert" sieht sich das Forum, isoliert und von der Teilnahme an Entscheidungen ausgeschlossen. Betroffene sollen wieder zu Beteiligten gemacht werden. 

Dennoch sei die Situation der Bürgerbeteiligung an Entscheidungen in Passau besser als in vergleichbaren Städten. Das Forum könne sich sogar mit der Fassadengestaltung des "Turms" in der Neuen Mitte identifizieren. Es entstehe hier durchaus "etwas Interessantes".

 

StR Ch. Fischer:

Wenn nach Bürgerbeteiligung und Wettbewerben endlich Entscheidungen gefällt worden sind, hat es keinen Sinn, diese Entscheidungen immer wieder in Frage zu stellen. Man kann nicht immer wieder beim Punkt Null anfangen. "Nachtarocken" bringt nichts.

 

StR A. Feuerer: 

Es fehlen langfristige Zielperspektiven einer selbstbewussten Stadtplanung. Der Rückbau des Referates Stadtplanung ist bedauerlich. Außerdem werden Äußerungen der Passauer Architekten, die sich mit ihren Stellungnahmen zu den Planungen in der Stadt vornehm zurückhalten, vermisst.

 

Architekten Wenzl und B. Denz: 

Das Architekturforum gibt zu speziellen Planungen anderer Architekten keine Stellungnahme ab. Dennoch sei es ein kontinuierlicher Begleiter der Entwicklungen in Passau gewesen. 

Die Architekten Passaus sehen Defizite in der Kontinuität der Passauer Stadtplanung und wünschen sich einen Leitfaden bzw. Perspektivplan, der die langfristigen Ziele der Stadtplanung darlegt.

 

Dr. M. Ortmeier: 

Gegenüber den Anforderungen des Kfz-Verkehrs war die Stadt zu "willfährig". Zu schnell werden dem Verkehr Bauten (Bsp.Votivkirche) geopfert; Opfer, die sich wenig später als umsonst erweisen. "Stadtraumerlebnis ist abhängig von Kleinstrukturen". Versäumnisse im Detail bei Sanierungen mindern die "Verweilwürdigkeit" vieler Orte. Richtig platzierte Kunstwerke, die nicht nur "Dekoration" sind, sichern das "ästhetische Gewicht" von Orten. 

Nicht das Auto, der Mensch muss im Mittelpunkt stehen.