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Probebetrieb Gotteszell-Viechtach, Zwischenbericht

Bahn-Probebetrieb Gotteszell – Viechtach, Zwischenbericht

In Passau, wo Bahnfreunde auf der Ilztalbahn einen Schienenpersonennahverkehr (SPNV) im Stundentakt und auf der Bahnstrecke zwischen Grubweg und Hauptbahnhof Passau sogar einen SPNV im Halbstundentakt anstreben, interessiert die Entwicklung der Fahrgastzahlen beim Probebetrieb auf der Bahnstrecke Gotteszell – Viechtach in besonderer Weise.

Für die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG), die den Regional-Bahn-Verkehr im Auftrag des Freistaats plant, finanziert und kontrolliert, teilt BEG-Sprecher Johann Niggl am 02. August 2017 folgende Daten mit:

Daten

„Im ersten Quartal 2017 nutzten durchschnittlich 513 Fahrgäste die Züge zwischen Gotteszell und Viechtach an Werktagen während der Schulzeit, das sind 7 Prozent weniger als im vierten Quartal 2016. Im zweiten Quartal 2017 stieg die Zahl auf 597 Fahrgäste, das ist ein Plus von knapp 8 Prozent gegenüber dem vierten Quartal 2016. In den Schulferien wie an den Wochenenden werden die Züge deutlich weniger genutzt. Entscheidend für das Ergebnis des zweijährigen Probebetriebs sind jedoch nicht die Zahl der zugestiegenen Fahrgäste, sondern die Personenkilometer je Kilometer Streckenlänge. Nach 379 Personenkilometer je Kilometer Streckenlänge an Werktagen während der Schulzeit im vierten Quartal 2016 ging die Zahl im ersten Quartal 2017 auf 330 zurück (- 12 Prozent) und stieg im zweiten Quartal auf 392 (+ 3 Prozent).“

Laut BEG erfolgt die Einrichtung oder Ablehnung eines Regelverkehrs auf der Grundlage für die Bewertung der Personenkilometer. Falls der Wert 1.000 Personenkilometer pro km Strecke nicht erreicht wird, wird nach Aussage von Herrn Niggl der Probebetrieb am 11.September 2018 enden. Es genügt also nicht, dass 1.000 Fahrgäste pro Tag in die Züge einsteigen, sie müssen auch noch die ganze Strecke nutzen. Nützen sie nur die Hälfte der Strecke, müssen schon 2.000 Fahrgäste einsteigen um den EBA-Wert 1.000 Pkm/km zu erreichen.

Der Bahn-Förderverein Go-Vit spricht im Gegensatz zur BEG von einem wesentlich höherem Fahrgastaufkommen von 820 Fahrgästen pro Tag, was dem EBA-Wert 539 Pkm/km entspricht. Die Diskrepanz der Zahlen führt Herr Niggl auf „methodische Mängel bei der Erhebung von Go-Vit zurück. So beruhen die Daten von Go-Vit auf Zählungen an lediglich einem einzigen Tag. Die erheblichen Unterschiede zwischen Wochentagen erfasst Go-Vit beipielweise überhaupt nicht.“

Einschätzung des EBA-Werts

Da die Go-Vit Zahl von 539 Pkm/km aber immer noch meilenweit von den geforderten 1.000 Pkm/km entfernt ist, ist sich Go-Vit darüber klar, dass das Erreichen dieses Ziels "eine große Herausforderung für die Region" ist. Den EBA-Wert von 539 bezeichnet Go-Vit als "fiktiv", weil ein Fahrgast, der nur die halbe Strecke befährt, nach EBA-Wert nur als halber Fahrgast zählt. Der EBA-Wert 1.000 Pkm/km - so Niggl - sei jedenfalls keine "fiktive", willkürliche Festlegung der BEG. „Die Zahl ist in erster Linie aus einer Maßgabe des Bundes abgeleitet: Erst wenn 1.000 Pkm je km betriebener Strecke an Werktagen während der Schulzeit erreicht werden, ist der Bund in der Regel bereit, in den Ausbau der Infrastruktur zu investieren.“

Auch Landrat Michael Adam äußert sich in einer vom Bayerischen Rundfunk ausgestrahlten Reportage zum Thema Probebetrieb Gotteszell – Viechtach zum EBA-Wert. Er wolle sich nicht am EBA-Wert 1.000 Pkm/km „festbeißen“. Wenn man den Wert annähernd erreiche, werde man politischen Druck ausüben, um den Regelbetrieb dennoch genehmigt zu erhalten. Von Bahnbefürwortern ist der EBA-Wert ohnehin umstritten, denn, so argumentieren diese, werde dieser Wert nur durch sehr wenige Nahverkehrsstrecken in Bayern erreicht.

Am Ende seiner Pressemitteilung bittet Herr Niggl von der BEG alle Beteiligten um etwas mehr Geduld. Er begrüßt ausdrücklich die Arbeit von Vereinen wie Go-Vit, die sich um die Akzeptanz von Bahnstrecken bemühen, und weist darauf hin, dass es nach der Erfahrung der BEG einiger Zeit bedürfe, bis ein neues Angebot angenommen werde. Daher sei eine Bewertung erst gegen Ende des zweijährigen Probebetriebs sinnvoll.

Probleme durch Komfortverschlechterung

Betroffen sind davon vor allem Schüler. In der BR-Reportage wird ein Schüler vorgestellt, der statt früher 200 Meter zum Bus, jetzt 1 km auf unbeleuchteter Straße zur Bahnhaltestelle gehen muss, um dann am Bahnhof Viechtach wieder in den Bus steigen zu müssen, weil die Schule 1 km oben am Berg liegt. Nachhause kommt er statt um 13 Uhr jetzt erst um 14:30 Uhr. Aus diesem Grunde hätten sich schon Eltern zusammen getan und einen Kleinbus für ihre Kinder bestellt, um die langen Schulwegzeiten ihrer Kinder zu verkürzen.

In Teisnach kreuzt die Bahn eine belebte Straße. Da eine Bahnschranke nicht vorhanden ist, wird die Straße alle Stunden per Hand mit einem Band abgesperrt, was regelmäßig zu einem Stau von 50 bis 80 Fahrzeugen auf beiden Seiten führt.

Da auf der Strecke eine große Zahl unbeschrankter Bahnübergänge vorhanden ist, muss der Zugführer an jeder dieser Übergänge mehrmals hupen. Das führt zu einer schwer erträglichen Belästigung der Einwohner von Häusern, die in er Nähe der Bahnübergänge liegen. Manche Mieter sahen sich bereits zun Auszug gezwungen.

Bürgerentscheid für den Probebetrieb

Der Bürgerentscheid vom 08.02.2015 fiel zugunsten des Probebetriebs aus.  Von 63.943 Stimmberechtigten beteiligten sich 13.363 am Entscheid, das sind 20,90%. Davon stimmten 8.527 (= 63,49%) für den Probebetrieb und 4.808 (= 36,06 %) dagegen.

Das bedeutet, dass fast 80% den Gang zur Urne nicht auf sich nahmen, offensichtlich, weil sie sich davon, ob die Bahn fährt oder nicht, nicht genug betroffen fühlten.

Kosten des Probebetriebs

Die Kosten betragen circa 4 Millionen €. Falls im Probebetrieb der EBA-Wert von 1.000 Pkm/km nicht erreicht wird, muss der Landkreis Regen 10% der Kosten des Probebetriebs, also 400.000 €, zahlen. Wenn der EBA-Wert erreicht wird, übernimmt der Freistaat die Gesamtkosten des Probebetriebs. Der Landkreis stellt außerdem die Wegekostenfreiheit für Schüler sicher. Wenn die Kosten des zweijährigen Probebetriebs auf die 597 Fahrgäste pro Tag im zweiten Quartal 2017 umgerechnet werden, ergibt sich für jeden zusteigenden Fahrgast ein Förderzuschuss von 9,17 €. oder anders ausgedrückt, eine Fördersumme von 5.479,45 € pro Tag.

Potentialanalyse durch Prof. Dr. Johannes Klühspies

Im November 2012 erstellte Prof. Dr. Johannes Klühspies von der Hochschule Deggendorf unter Einbeziehung eines Stundentaktes, einer neuen Haltestelle in Teisnach und des Schülerverkehrs eine Potentialanalyse. Er erarbeitet 3 Szenarien: Minimal – Standard – Maximal mit folgenden Ergebnissen:

Minimal: EBA-Wert: 1.010 Pkm / km

Standard: EBA-Wert: 1.289 Pkm / km

Maximal: EBA-Wert: 1585 Pkm / km

Er zieht folgendes Fazit aus der Analyse: „Aus einer nutzerzahlen-orientierten Sicht besteht für die Strecke Viechtach – Gotteszell ein relevantes Potential, um einen Schienenpersonennahverkehr durchzuführen“. Er schränkt allerdings ein, dass gegenüber einer vollen regulären Reaktivierung für einen befristeten Low-Budget-Probebetrieb wohl noch Fahrgastzahlen zu erwarten sind, die unter dem möglichen Potential der Szenarien liegen. Positive Perspektiven würden sich primär erst langfristig ergeben. Potentiale würden unterschätzt werden: denn die Nutzerzahlen überträfen in der langfristigen Praxis meist die Erwartungen und lägen oft „bei einem Mehrfachen der ursprünglich prognostizierten Werte".

Klaus Schürzinger

24.08.2017